Letztes Update am Fr, 10.07.2015 11:32

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mikrochip-System kann manchen Erblindenden helfen



Wien (APA) - Für manche Patienten, die infolge einer Netzhauterkrankung (Retinitis pigmentosa) auf beiden Augen erblinden, kann das Implantieren eines Mikrochip ins Auge und ein damit verbundenes Videosystem eine Hilfe sein. Ein solche „Retina-Prothese“ wurde an der Wiener Rudolfstiftung vor einigen Tagen erstmals in Österreich bei einer Patientin eingesetzt. Erste Seheindrücke hat sie bereits.

„Ich bin Augenärztin geworden, um Menschen das Sehen zurückzugeben“, sagte die Leiterin der Augenabteilung an dem Wiener Krankenhaus, Susanne Binder, international renommierte Mikro-, Netzhaut- und Glaskörper-Chirurgie-Spezialistin, am Freitag bei einem Pressegespräch in Wien. Bei ihr meldete sich schon vor langer Zeit die Wiener Beamtin Hildegard Monschein. Sie hatte damals die Diagnose einer Retinitis pigmentosa bekommen. Die Augenärztin musste ihr allerdings mitteilen, dass sie zum damaligen Zeit gegen den degenerativen Verlust der Sehzellen in der Netzhaut keine Erfolg versprechende Therapie anbieten könne.

Diese Situation hat sich allerdings etwas gewandelt. US-Wissenschafter und Techniker, mittlerweile über das Unternehmen „Second Sight Medical Products“ (Kalifornien) mit der Entwicklung und der Produktion des „bionischen Auges“ mit dem Namen Argus II bereits auf dem Weltmarkt vertreten, hatten 1991 mit ihren Arbeiten begonnen. 2002 wurde einem Patienten das erste System eingesetzt, jetzt ist die Nachfolgegeneration bereits in Europa und in den USA zugelassen.

So funktioniert Argus II: Der Patient bekommt in einer vierstündigen Operation in ein Auge einen fünf mal neun Millimeter großen Mikrochip eingesetzt. Der Operierte trägt später eine Brille mit einem Videosystem, welches die aufgenommenen Bilder in elektrische Impulse umsetzt. Diese Impulse werden an den Mikrochip auf der Oberfläche der Netzhaut gefunkt, wo wiederum 60 Elektroden bei den noch funktionstüchtigen Zellen in der Netzhaut für eine Reizung sorgen. Im Laufe eines langen Trainings soll der Patient dann lernen, diese Reize zu interpretieren.

Hildegard Monschein, die Ende Juni in der Rudolfstiftung operiert worden ist: „Es ist eine Art Schwarz-Weiß-Sehen.“ Sie erkenne bereits Schatten und gewisse Konturen. Ophthalmologin Binder betonte, dass es sich um eine „andere Form des Sehens“ handle, die man manchen der Patienten wieder vermitteln könne. Entscheidend ist das Erlernen der Interpretationsfähigkeit der über das System vermittelten Eindrücke.

Wunder sind keine zu erwarten. „Von 150 Patienten, die man untersucht, dürften vier bis fünf für das System infrage kommen“, sagte Susanne Binder. Auf beiden Augen erblindende Retinitis pigmentosa-Patienten, bei denen die Sehzellen in der äußeren Netzhaut defekt sind, aber in den unteren Schichten noch etwa 30 Prozent funktionieren, könnten profitieren. Einer von ihnen ist der 36-jährige Niederländer Jeroen Perk, der ein solches Implantat vor zwei Jahren erhalten hat: „Nach zwei Wochen habe ich das erste Licht gesehen. Dann konnte ich im Freien die Bewegung von Menschen sehen, den Gehsteig vom Rasen unterscheiden. In einem Restaurant sah ich die Kerzenlichter.“ Und schließlich hätte er bemerkt, dass sich ein Freund rasiert gehabt hätte.

Der finanzielle Aufwand für das System sind hoch. Doch Blinde müssen oft ein Leben lang unterstützt werden. Der Chip kostet 75.000 Euro, hinzu kommen 45.000 Euro für die weiteren Systemteile. Hildegard Monschein leistete einen Beitrag, Wiener Krankenanstaltenverbund, Krankenkasse, Sozialministerium und Hersteller brachten die Finanzierung auf. An Retinitis pigmentosa leiden zwischen 24 und 40 Personen pro 100.000 Menschen. Die Krankheit kann aber sehr unterschiedlich verlaufen (Telefon-Hotline: 0800-802208; http://www.secondsight.com)




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