Letztes Update am Fr, 21.08.2015 07:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch - Ist die Welt bereit dafür?



Wien (APA) - „Dauerhafte Armut in Entwicklungsländern führt zu illegaler Einwanderung“, schreiben Friedbert Ottacher und Thomas Vogel in ihrem aktuellen Buch „ Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch“ (Brandes & Apsel). Armutsbekämpfung ist eines der Hauptziele der seit rund 65 Jahren existierenden Entwicklungszusammenarbeit (EZA). Angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik in Europa muss man sich deshalb wohl fragen: Hat die EZA versagt? Nein, sagen die Autoren.

Die Bilanz ist „durchwachsen“. Es ist in diesem Jahr besonders interessant: 2015 endet die Ära der Millennium Developoment Goals (MDGs), auf die sich die Vereinten Nationen im Jahr 2000 geeinigt hatten. Nur eines der Ziele - die Zahl der ärmsten Menschen (jene, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben müssen) zu halbieren - wurde erreicht. Bei den sieben anderen Zielen sind Teilerfolge zu vermelden, „traurig“ sieht es jedoch bei der ökologischen Nachhaltigkeit aus. Nichtsdestotrotz, die MDGs seien kein Flop gewesen. Denn „erstmals wurden ambitionierte Ziele vereinbart, quantifiziert und in einer gemeinsamen Anstrengung von staatlichen Gebern, Empfängerregierungen, Hilfswerken und Partnerorganisationen des Süden gemeinsam umgesetzt“, fassen Ottacher und Vogel zusammen.

Dies mag auf den ersten Blick recht bescheiden wirken. Denkt man aber an die Wirtschaftskrise, die Europa seit Jahren selbst mit sich schleppt, oder an die aktuelle Flüchtlingsdebatte, ist das Plädoyer der beiden Experten für realistischere Ziele sehr gut nachvollziehbar. Die den MDGs nachfolgenden Sustainable Development Goals (SDGs) sollen nun „alle“ in die Pflicht nehmen. Die Frage ist nur, ob auch wirklich jeder dafür bereit ist.

Denn wird die EZA oft für den fehlenden Entwicklungsprozess in vielen Ländern verantwortlich gemacht und scharf kritisiert, werden andere Politikbereiche oft gar nicht damit in Verbindung gebracht, obwohl sie in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden sind. Eigentlich sollten ja EZA, Handels- und Agrarpolitik miteinander im Einklang stehen. Politikkohärenz heißt das Zauberwort - leider fehlt diese aber allzu oft. „Mit Entwicklungsgeldern werden Kleinbauern in Westafrika zum Anbau von Zwiebeln für den lokalen Markt animiert, zugleich überschwemmen aber billige Zwiebeln aus Europa dank Exportförderungen Afrika und machen alle Bemühungen wieder zunichte“, erklärten die Autoren. EU-Politik konterkariert also oftmals Projekte der Entwicklungszusammenarbeit.

Vermutlich auch deshalb, weil es hier um Eigennutz der Geberstaaten geht, will „kein Land den ersten Schritt machen“, schreiben Ottacher und Vogel, die beide über langjährige EZA-Erfahrung verfügen. Es brauche eine „gewisse Opferbereitschaft“, um die globale Produktions- und Verteilungsprozesse so umzustrukturieren, dass das Gefälle zwischen Arm und Reich sich langfristig verringern kann. Doch ist die Welt wirklich bereit für diese Umstrukturierung?

Die Autoren bemühen sich über die gesamten 141 Seiten hinweg, jegliche Aspekte der EZA von allen Seiten zu beleuchten. So kommen überzeugte Gegner der EZA in ihrer derzeitigen Form (Dambisa Moyo) ebenso zu Wort wie konstruktivere Kritiker (William Easterly) - ebenso wie ihre eigene Überzeugung: „Die Option, die Armen in Ruhe zu lassen, existiert für uns nicht. Denn wir können angesichts der extremen Ungerechtigkeit auf der Welt nicht die Hände in den Schoß legen, Verantwortung und Solidarität ignorieren und darauf warten, dass sich alles von selbst regelt.“

(SERVICE - Friedbert Ottacher/Thomas Vogel: „Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch. Bilanz - Kritik - Perspektiven. Eine Einführung“, Brandes & Apsel, Wien 2015)




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