Letztes Update am Mi, 23.09.2015 10:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reisen, Kaufen und was noch? Blick auf 25 Jahre Deutsche Einheit



Berlin (APA/dpa) - Bange Blicke zum Wachturm gibt es längst nicht mehr. Wer die ehemaligen deutsch-deutschen Grenzübergänge Marienborn bei Helmstedt oder Dreilinden bei Berlin passiert, hat freie Fahrt. In beide Richtungen. Die Auslagen und Regale der Geschäfte im Osten des Landes unterscheiden sich in nichts von denen im Westen. Schlangestehen für Südfrüchte? Längst vergessen. Und sonst?

25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung steigt am 3. Oktober ein großer Festakt in Frankfurt am Main. Vieles ist überwunden, was hüben und drüben trennte. Und doch legen gleich mehrere Umfragen nahe, dass noch nicht alles einig ist, was vereinigt wurde. Warum?

Im Osten habe die „Überlagerung“ des Westens vor 25 Jahren gerade nicht zur echten Annäherung geführt, allenfalls zur örtlichen, erklärt Karl-Siegbert Rehberg, Gründungsprofessor für Soziologie an der Technischen Universität Dresden. Und bei den Bürgern der ehemaligen Bundesrepublik sei die Wiedervereinigung ohnehin nur Thema, wenn man damit direkt zu tun habe: „Wenn eine Gesellschaft nicht zusammenbricht, hat man ja auch wenig Grund, viel zu ändern.“

„Die Lebensläufe sind entschieden“, sagt Rehberg. Die mittlere Generation sei wieder gut etabliert - ob als Gewinner oder „Sinn-Verlierer“ der Einheit. „Jetzt nach 25 Jahren kann man auf seinen Lebenslauf wieder besser zurückgreifen und ihn auch rechtfertigen“, erklärt der Experte, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie.

Aus seiner Sicht gibt es ein inneres Kommunikationsverhalten. „Die Verkehrskreise sind noch relativ getrennt“, selbst wenn die Menschen auf die andere Seite der ehemaligen Grenze wechselten. Eine Stadt wie Dresden etwa habe zwei Kunstvereine, „in einem sind Westdeutsche und im anderen Ostdeutsche“. Und bis auf manchen Trip nach Berlin, Dresden, Rostock oder Leipzig, nach Rügen oder in die Sächsische Schweiz halten sich viele Westdeutsche vom Osten fern.

Reisefreiheit - bekannte Küsten und Berge liegen vorn:

Denn die Macht des Gewohnten ist 25 Jahre nach der Wiedervereinigung auch beim Urlaub groß. Nach Stippvisiten im Ausland ist bei den innerdeutschen Reisezielen der Ostdeutschen längst wieder die Ostseeküste samt Inseln am beliebtesten. Bei den Westdeutschen zieht Bayern am meisten, wie Daten des Statistischen Bundesamtes belegen. Vor allem die mittlere Generation setzt auf das Bekannte. Vor allem bei jungen Menschen sind die Ziele hingegen weniger festgelegt. „Die Reisefreiheit ist das Schönste, was es für mich gibt“, sagt etwa Sarah Klier, zwei Minuten vor dem 3. Oktober 1990 in Leipzig geboren und als „letzter Schrei der DDR“ bekannt. Die frischgebackene Tourismusmanagerin will ein Halbjahr als Tour-Guide auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten.

Ihre Geburtsstadt Leipzig sieht Klier niemand mehr an. Trotzdem: Auch heute noch hören Ostdeutsche im Westen manchmal noch den Satz: „Du siehst aber gar nicht so aus...“. Er entfährt manch Westdeutschem, wenn er erfährt, dass sein Gegenüber in der DDR gelebt hat. Und auch Ostdeutsche glauben mitunter, einen Wessi in ihrer Region sofort am Äußeren zu erkennen. „Das ist Quatsch, modisch ist die Einheit längst vollzogen“, sagt der Hauptgeschäftsführer im Zentralverband des deutschen Friseurhandwerks, Jörg Müller. Und zwar von Kopf bis Fuß. Nach Ansicht von Modeexperten verläuft die Stil-Trennlinie längst nicht mehr zwischen Ost und West, sondern nach Einkommen oder Stadt- und Landregionen. „Mit Pumps geht man nicht in den Stall. Man muss nach den Metropolen schauen, da hängt Leipzig Düsseldorf keinen Deut nach“, sagt Müller.

Wofür private Haushalte in Ost und West ihr Geld ausgeben, ist nach fast 25 Jahren Einheit ebenfalls weitgehend gleich, wie aus den Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Das meiste ging etwa 2012 für die Wohnung (Ost: 34,2 Prozent und West: 34,5), Mobilität (Ost: 13,9 und West: 14,3) sowie Nahrung (Ost: 14,4 und West: 13,8) drauf. Unterschiedlich ist das Kaufvolumen - mit rund 2400 Euro monatlich im Westen und rund 1900 in den Ostländern und Berlin. Durchweg wirtschaftlich gesichert fühlen sich Bürger im stärker von Arbeitslosigkeit betroffenen Osten denn auch nicht. Zwar nannten 2014 in der Allensbach-Studie „Wertewandel Ost“ im Auftrag großer Ost-Zeitungen rund 61 Prozent der Befragten die Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte. Aber viele Ostdeutsche fürchten auch den Verlust an Wohlstand.

„Die diffuse Angst durch nicht kalkulierbare Dinge“ sei in Ostdeutschland signifikant höher als in Westdeutschland, sagt Prof. Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das sei einer der Gründe, weshalb die Pegida-Bewegung in Ostdeutschland größeren Zulauf hatte als im Westen. Das betreffen auch die Frage: Wie begegnen wir Zuwanderern, Asylbewerbern, Flüchtlingen? „Das Angstpotenzial ist in Ostdeutschland - bedingt durch die Auswirkungen der ökonomischen und gesellschaftlichen Transformationskrise - erkennbar größer. Das ist eine der Ost-West-Differenzen, die man zur Kenntnis nehmen muss“, sagt Holtmann.

Der Zulauf zur islamfeindlichen Pegida-Bewegung sei auch Folge der „Sinn-Kränkung“ vieler durch die Wende in ihrem bisherigen Lebenssinn entwerteter älterer „Mitläufer“, glaubt auch Sozialforscher Rehberg. Die seien aber keine Agitatoren.

Mit einer Stimme sprechen die Deutschen nicht immer, eine Sprache schon. Die Einheit des Wortschatzes ist weitgehend vollzogen, wie Linguistik-Professor Peter Schlobinski, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache (GfDS) in Wiesbaden, sagt. Für die Gruppe der Unter-60-Jährigen sei dieser Prozess abgeschlossen.

Während Hunderttausende in den Nachwendejahren nach Westen zogen, machte sich die Sprache der alten Bundesrepublik schnell im Osten breit und blies den sozialistischen Einheitsjargon fort, dem die wirtschaftliche und politische Verankerung plötzlich entzogen war. Bürokratische Wortungetüme wie die Jahresendflügelfigur für den Weihnachtsengel dienen heute allenfalls noch für satirische Rückblenden auf die untergegangene DDR.

Einige wenige Begriffe aus der Alltagssprache der Ostdeutschen sind mittlerweile gesamtdeutsches Sprachgut. Die Einraumwohnung etwa hat Einzug in den Immobilienteil westdeutscher Zeitungen gehalten. Im Westen nickt man heutzutage ab und denkt an, wie es früher nur der Ostdeutsche tat, wenn er zustimmte und plante. Und der Broiler bruzzelt mittlerweile auch an Imbissständen von Hähnchenbrätern auf Wochenmärkten in Hannover oder Köln vor sich hin.

Eine Wortschöpfung der Nachwendezeit hat sich längst überholt, hält sich aber hartnäckig: die „neuen Bundesländer“. Kaum eine Ost-West-Betrachtung verzichtet auf diesen Begriff - obwohl nach einem Vierteljahrhundert nichts Neues mehr an Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zu finden ist, und obwohl die Geschichtsschreibung Thüringer und Sachsen ausweist, Jahrhunderte bevor an Niedersachsen überhaupt zu denken war.

Vor allem bei den Menschen im Osten ist der Begriff ungeliebt, weil dem Attribut „neu“ nach 25 Jahren nicht nur ewige Jugend, sondern auch noch immer der Geruch von Anhängsel und Anfängertum anhaftet. Sprachwissenschaftler Schlobinski findet den Terminus „neue Bundesländer“ unpassend und inhaltlich überholt. „Aber er ist fest in unserem mentalen Wortschatz verankert. Und dagegen ist schwer anzukommen, solange es nicht gelingt eine Wettbewerbssituation mit einem passenden anderen Begriff herzustellen.“ Ostdeutsche Länder, Ostländer, Länder im Osten - die Sprache hielte gute Konkurrenz bereit. „Aber deren Gebrauch lässt sich nicht verordnen, das ist ein Prozess. Da sind auch die Medien gefordert“, sagt Schlobinski.

Wenn Nele (14) aus Niedersachsen mit der Bahn zu ihrer gleichaltrigen Brieffreundin Janne nach Mecklenburg-Vorpommern fährt, dann ist das für sie allenfalls geografisch gesehen eine Reise in den Osten. Die beiden Gymnasiastinnen können mit wechselseitiger Vorurteilspflege über die frühere innerdeutsche Grenze hinweg nichts anfangen. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht habe. Das ist gar kein Thema für uns“, sagt Nele. Ein Befund, den zahlreiche Studien für ihre Generation bestätigen.

Nach einer Umfrage des Forsa-Instituts von 2014 im Auftrag ostdeutscher Hochschulen etwa empfindet unter den 16- bis 29-Jährigen mehr als die Hälfte größere Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschen als zwischen West- und Ostdeutschen - nur knapp ein Drittel sagt das Gegenteil. Nach Untersuchungen des Politologen Holtmann sind Unterschiede in gegenseitiger Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung zwischen den Jugendlichen in Ost und West kaum mehr erkennbar. Die Schüler hüben wie drüben einen allerdings auch deutliche Wissenslücken bei Teilung und Einheit. Das Thema müsse ein größeres Gewicht im Unterricht aller Schulformen erhalten, meint der Wissenschaftler.

Mehr als 18 Millionen Deutsche sind dem Statistischen Bundesamt zufolge nach der Vereinigung geboren. Sie haben nie das Leben im geteilten Land erfahren. Soziologe Rehberg sieht aber noch nicht die Nach-Wende-Generation, sondern erst die folgende als gänzlich unbelastet vom Ost-West-Denken. „Die jetzt Studierenden kennen es zwar nur noch als Familiengeschichte - die aber wurde konfliktlos weiterentwickelt“, sagt Rehberg. Es habe - anders als nach 1945 - kein „kollektives Beschweigen“ seitens der Elterngeneration gegeben. Und diese miterlebte Familiengeschichte habe den jungen Menschen noch etwas wie eine Ost-Identität vermittelt.

Dass der Sozialforschung in den nächsten Jahren der Stoff für Ost-West-Studien ausgehen könnte, glaubt auch Holtmann nicht. „Es wird nicht der Tag kommen, an dem die Unterschiede verschwunden sein werden. Das wird aber auch nicht für Nord und Süd der Fall sein. Diese Vielfalt und Unterschiedlichkeit ist in unserer föderalen Gliederung so angelegt.“




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