Letztes Update am Mo, 05.10.2015 13:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien-Wahl - Kulturpolitik zwischen Kommunikation und Migration



Wien (APA) - Seit 2001 ist Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) amtsführender Stadtrat für Kultur und Wissenschaft von Wien. Der heute 55-jährige ehemalige Mitarbeiter und Büroleiter von Bundeskanzler Franz Vranitzky und spätere Kunstsektionsleiter strebt eine vierte Amtsperiode an. Kulturpolitik im engeren Sinne spielte allerdings im Wahlkampf heuer keinerlei Rolle.

Unter dem Titel „Wahlkämpfen kann verdammt einsam sein“, beschrieb „Die Presse“ vor zwei Wochen genüsslich einen Wahlkampfauftritt Mailath-Pokornys vor den Wiener Museumsquartier, bei dem dieser vergeblich versuchte, mit den vorbeieilenden Passanten ins Gespräch zu kommen, und stellte davon einen einminütigen Videobeweis ins Netz. Auch die gestrige kulturpolitische Podiumsdiskussion im TAG blieb eher schütter besucht. Im Gegenzug intensivierte der Stadtrat seine Auftritte bei Medienterminen, taucht(e) beim Settermin eines Klimt-Filmes ebenso auf wie bei den Antritts-Pressekonferenzen von neuen Museums- oder Theaterleitern und kündigte kürzlich die städtische Beteiligung bei der Volkstheater-Renovierung an.

Das alles dominierende Wahlkampfthema Flüchtlinge müsse auch kulturpolitisch gesehen werden, meint der Kulturstadtrat. „Die Grundfrage, wie wir mit Flüchtlingen umzugehen haben“ sei „zutiefst und buchstäblich kulturell“, sagte er im „profil“, um im „Standard“ nachzulegen: „Jetzt geht es um die Wahl zwischen Weltoffenheit oder Provinz.“ Man muss Mailath-Pokorny zugutehalten, dass er bereits vor Antritt seiner dritten Amtsperiode die Einbeziehung von Migranten in das Kulturleben Wiens als eines der zentralen Vorhaben der rot-grünen Stadtregierung deklarierte. Aus dem eigenen Beauftragten für diesen Bereich wurde allerdings ebenso wenig etwas wie aus einem postmigrantischen Kulturhaus nach dem Vorbild des Berliner „Ballhaus Naunynstraße“. Deren Leiterin Shermin Langhoff wurde zwar als Co-Leiterin der Wiener Festwochen engagiert, trat ihr Amt jedoch nicht an und macht seither sehr erfolgreich am Berliner Gorki Theater ein weltoffenes Programm.

Dennoch spiegelt die Personalpolitik der Stadtregierung durchaus einen Willen zu Veränderung und Öffnung, wenn man etwa an die Entscheidungen für Tomas Zierhofer-Kin (Wiener Festwochen) und Matti Bunzl (Wien Museum) denkt. In der Kunsthalle Wien wurden nach heftiger Kritik an der Amtsführung von Gerald Matt und am „Verein Kunsthalle“ die personellen und strukturellen Weichen neu gestellt.

Die bauliche Zukunft des Wien Museums auf Schiene zu kriegen - dazu hat es die ganze Legislaturperiode gebraucht. Es wird nun nicht der ursprünglich von Mailath-Pokorny favorisierte Neubau mit Signalcharakter - das Hauptbahnhof-Areal bleibt mit Ausnahme des 21er-Hauses weiterhin kulturlos -, sondern ein Erweiterungsbau. Wie dieser aussehen und was er kosten wird, soll erst nach der Wahl bekannt gegeben werden.

Ein anderes Projekt wurde dagegen umgesetzt - das Wiener Deserteursdenkmal. Dass das Mahnmal, das von Künstler Olaf Nicolai als Treppenskulptur realisiert wurde, am Ballhausplatz ein eher unbeachtetes Dasein fristet und seine Bedeutung erst nach eingehendem Studium offenbart, dafür kann der Kulturstadtrat nichts.

Mit „Popfest“ und „Electric Spring“ versuchte man der jungen Musikszene entgegenzukommen, musste sich jedoch von dieser auch Vorwürfe gefallen lassen, man grabe den Kulturarbeitern an der Basis durch derlei Festival-Angebote das Wasser ab. Überhaupt scheint sich die Kommunikation mit der freien Szene trotz der Absichtserklärungen („Ich glaube, dass man Kulturpolitik im 21. Jahrhundert nicht einfach dekretieren kann und den aufgeklärten Fürsten abgibt, sondern durchaus dialogisch arbeiten muss.“) nicht verbessert zu haben. Die freie Wiener Kulturszene sorgte für den einzigen kulturpolitischen Akzent im Wahlkampf, als sie 15 Forderungen „für eine andere Kulturpolitik“ präsentierte und beklagte, seit Jahren werde die Kommunikation seitens der Stadt „schlichtweg verweigert“.

Nicht nur den vom Prekariat bedrohten oder mit dem Prinzip Selbstausbeutung arbeitenden Teilen der Kulturszene, sondern auch der Opposition sind die Fördermillionen für die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) ein steter Dorn im Auge. Durch eine Zusatzsubvention von 4,9 Mio. Euro stieg die diesbezügliche Basisabgeltung der Stadt Wien 2014 und 2015 auf 42 Mio. Euro. Für 2016 sind 41 Mio., für 2017 40 Mio. Euro vorgesehen. Im Gegenzug wurde das auf drei Jahre angelegte neue Förderprogramm „Shift“ aufgelegt und mit jährlich 1,5 Mio. Euro dotiert. Ein politisches Gegengeschäft.

Auch Vorwürfe der Intransparenz werden immer wieder erhoben - unter anderem deshalb, weil auf das Gebaren der VBW als Holding-Betrieb der Stadt Wien andere Maßstäbe angelegt werden. Letztstand bei den künftigen Postenbesetzungen ist jedenfalls laut Auskunft des Stadtratbüros: Ob eine gemeinsame künstlerische Intendanz oder wie bisher die Leitung von Musical und Opern-Bereich jeweils getrennt ausgeschrieben wird, soll zügig nach den Wahlen entschieden werden. Die Ausschreibung der Jobs von Christian Struppeck und Roland Geyer werde jedenfalls wie angekündigt noch heuer erfolgen.

Jobperspektiven für den Fall, dass er nach der Wahl nicht mehr Stadtrat sein sollte, lässt Mailath-Pokorny, dem früher Interesse Richtung Kulturministerium und zuletzt Richtung Bundestheater-Holding nachgesagt wurde, offen. „Ich habe einen Kopf und zwei Hände, die ich einsetzen kann. Ich bin da entspannt“, sagte er im „profil“-Interview. „Die Kultur wird mich nie verlassen und ich nicht die Kultur. Aber mein erlernter Beruf ist der eines Diplomaten, da gäbe es also ausreichend Betätigungsfelder.“




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