Letztes Update am Di, 13.10.2015 12:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Dominik Hartl: Mit „Beautiful Girl“ auf der „Coming-of-Age-Welle“



Wien (APA) - Wenn 2016 Dominik Hartls Horror-Komödie „Attack of the Lederhosenzombies“ im Kino anläuft, hält der Zombie-Hype bereits einige Jahre an. Mit „Beautiful Girl“ aber, der heute Abend in Wien Premiere feiert und am Freitag startet, steht der Jungregisseur am Beginn eines Trends - zumindest in Österreich. „Bei uns gibt es gerade eine Coming-of-Age-Welle“, sagt der gebürtige Steirer im APA-Gespräch.

Aktuell läuft die Jugendromanverfilmung „Chucks“ von Sabine Hiebler und Gerhard Ertl in den österreichischen Kinos, im November folgt Stephan Richters Verlorene-Jugend-Porträt „Einer von uns“, und Monja Art - wie Hartl Absolventin der Filmakademie Wien - hat gerade das Jugenddrama „Siebzehn“ über ein lesbische Liebe abgedreht. Ins Ausland seien die Filme nur schwer zu verkaufen, „der Markt ist so überschwemmt, die Produzenten scheinen Coming-of-Age gerade als gute Nische zu sehen“, sagt Hartl. Das liegt nicht zuletzt an Riesenerfolgen wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Margos Spuren“. „Die sind irre gut gelaufen, aber sehr kitschig. Vielleicht hätte ich meinen auch kitschiger machen sollen“, lacht der 32-Jährige.

Tatsächlich sticht Hartls Spielfilmdebüt durch seine unsentimentale, leichtfüßige Erzählweise heraus. Basierend auf Gabi Kreslehners Roman „Charlottes Traum“ erzählt der in Schladming geborene Filmemacher von der 16-jährigen Charly, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter und ihrem Bruder zur Oma nach Wien zieht und hier die erste Liebe, die erste Freundschaft mit zwei Burschen und den ersten Sex erlebt. „Coming-of-Age dreht sich um diese Stimmung, die man als Jugendlicher hat, wo du alt genug bist, um dich selbst und dein Umfeld wahrzunehmen, und gleichzeitig alles noch offen ist“, so Hartl. „Das ist ein spannender Kreuzungspunkt: Du darfst plötzlich so wahnsinnig viel, musst aber nicht.“

Vor allem US-Independentfilme aus den 90ern von Regiegrößen wie Gus van Sant oder Richard Linklater, aber auch französische Perlen wie das weitgehend unterschätzte „LOL (Laughing Out Loud)“ oder Werke von Olivier Assayas haben Hartl und seine Kameramänner Andreas Thalhammer und Xiaosu Han im Vorfeld inspiriert: „Wir haben vor allem das ‚Schwebende‘ übernommen und viel mit Steadicam gearbeitet, weil das für die Gefühlswelt, in der die Protagonistin ist, gut passt. Das hat was Verträumtes, und ist vom Tempo her zurückgenommen.“

Den Roman hat Hartl „zu meinem persönlichen Film“ gemacht, indem er in das Drehbuch viele Anekdoten seiner eigenen Jugend gewebt hat. „Es geht zwar um ein Mädchen, aber ich habe gemerkt, wenn ich die Anekdoten ihr zuschreibe, wird die Figur noch interessanter, weil sie nicht mehr ganz dem Mädchenklischee entspricht“, meint Hartl. Also lässt er Charly gegen den Baum vor ihrem ehemaligen Elternhaus pinkeln und denkbar unromantisch mit Sex umgehen. „Alles, was mit Sex zu tun hat, war im Buch nicht vorhanden. Ich fand den Zugang interessant, dass man nicht auf den Prinzen wartet und es im Kerzenschein macht, sondern es einfach hinter sich bringt, damit man danach neu drüber nachdenken kann.“ In „Beautiful Girl“ räumt Charly das Thema recht früh aus dem Weg - auch, weil Hartl es „schon viel zu oft gesehen“ hat, dass Coming-of-Age-Filme mit dem „ersten Mal“ ihren Höhepunkt erreichen.

Mit Jana McKinnon, die bereits seit dem Kindesalter Schauspielerfahrung in Kurzfilmen gesammelt hat, wurde eine verletzliche wie auch selbstbewusste Charly gefunden. „Ich hatte immer Angst, dass es dieses Mädchen, so wie es im Drehbuch steht, nicht gibt“, erzählt Hartl. „Aber Jana ist dieses coole, alternative Mädchen, in das ich mich mit 16 voll verliebt hätte. Es war früh klar, dass sie es wird.“ Die Teenagerin ist in jeder einzelnen Szene des Films zu sehen, musste an jedem Drehtag am Set sein. „Da war es wichtig, einen Rahmen zu schaffen, wo sie nicht nach zwei Wochen das Handtuch wirft“, so Hartl. „Deshalb hatte ich die klare Mission, am Set eine gute Stimmung zu kreieren, in der sich alle wohlfühlen.“

Hartl selbst hat es immerhin schon ganz anders erlebt, auch am Set von Werbefilmen, mit denen er sich u.a. als Kreativdirektor bei Demner, Merlicek & Bergmann die letzten Jahre seines Studiums finanziert hat. „Es ist schon cool, in kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen. Aber auf Dauer wäre das nichts für mich“, schmunzelt Hartl. Seit seinen ersten Stop-Motion-Filmen mit Legosteinen im Alter von zwölf Jahren weiß er, dass er Filmregisseur werden will. „Das war der fließende Übergang vom Legospielen zum Legofilmemachen.“ Der Erste von Dutzenden Filmen dieser Art war gleich „ein Epos“: „20 Minuten lang, ein Ritterfilm mit extrem blutigen Schlachtszenen und Explosionen. Mein Lieblingsfilm war damals ‚Robin Hood‘ mit Kevin Costner.“

Die Liebe zu handgemachtem Horror ist geblieben: Nach seinem Filmakademie-Abschluss-Kurzfilm „Spitzendeckchen“ über eine Wohnung, die die Jugend seiner Bewohnerin aussaugt, ist auch Hartls zweiter Kinofilm, „Attack of the Lederhosenzombies“, in seinem Lieblingsgenre angesiedelt. Ende 2016 kommt der Streifen über ein Skigebiet, das von einer Zombie-Epidemie heimgesucht wird, in die Kinos.

Ein „astreiner Genrefilm mit Lokalkolorit“ sei das seit 2009 geplante Herzensprojekt geworden, und Österreich ist nach „Das finstere Tal“ oder „Blutgletscher“ ein „sehr gutes Pflaster“ dafür. Dennoch hat sich Hartl kürzlich mit seiner Freundin, die halb Amerikanerin ist, einen Zweitwohnsitz in New York zugelegt. „Ich bin mit amerikanischem Kino groß geworden, das ist schon so ein Sehnsuchtsort“, sagt Hartl, der den Schritt nach Übersee aber nicht naiv macht. „Ich gehe nicht davon aus, dass dort jemand auf mich als Filmemacher wartet. Das wäre verwegen.“ Geplant ist vorerst ein Low-Budget-Dreh. Und Österreich kommt die Regie-Hoffnung so bald nicht abhanden: Zwei neue Projekte sind bereits zur Förderung eingereicht. „Natürlich beides Genrefilme.“

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)

(S E R V I C E - Premiere von „Beautiful Girl“ heute, Dienstag, Abend in der UCI Kinowelt Millennium City. Kinostart am 16. Oktober. www.dominikhartl.com, www.beautifulgirl.at)

(Die APA hat am 9.10.2015 unter APA061 eine ausführliche Filmkritik versendet.)




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