Letztes Update am Fr, 16.10.2015 08:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Nicht nur für Muttersöhnchen: Günter Freitag „entführt“ Anna Netrebko



Wien (APA) - Die Mutter ist laut, dick, arrogant, steht als Anwältin in der Öffentlichkeit und masturbiert zu Arien ihrer Lieblingstenöre. Ihren in der Kanzlei niedrige Arbeiten verrichtenden Sohn behandelt sie wie Dreck. Kein Wunder, dass dieser sich in eine Scheinwelt flüchtet. Den Weg dorthin beschreibt Günther Freitag in seinem kunstinnigen wie unterhaltsamen Roman „Die Entführung der Anna Netrebko“.

Vorweg - bei dem im Wieser Verlag erschienenen Roman handelt es sich weder um einen Krimi noch um eine Komödie à la „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“. Vielmehr schildert der 63-jährige im steirischen Leoben lebende Autor den tristen Alltag eines knapp über 40-jährigen Mannes, den er in der Ich-Form durch das bürgerliche Wien schickt, in dem seine übermächtige Mutter ihn vom Erwachsenwerden ausschließt. Während er lustlos kleine, uninteressante Fälle beackert, tritt sie bei großen Fällen ins Scheinwerferlicht der Kameras. Zu allem Überdruss teilen sich die beiden auch noch eine Wohnung, in der der Sohn lediglich dazu da ist, für die Mutter CDs einzulegen und sich als Versager beschimpfen zu lassen.

„Mama stört alles an mir. Meine Körpersprache findet sie linkisch, an jeder meiner Gesten und Bewegungen sei die Unsicherheit des geborenen Versagers zu erkennen“, steckt Freitag die Fremdcharakterisierung bald ab. „Meine Stimme sei zu leise, noch dazu in einer unangenehmen Tonlage, von der Sprechmelodie ganz zu schweigen. Gegen die sei ja die Zwölftonmusik der reinste Belcanto, was mir nichts sagen werde, denn ich verstünde von Musik ja noch weniger als von der Rechtsprechung.“ Fachausdrücke aus dem Opernbereich finden sich auf den 260 Seiten ebenso wie jene aus der Juristerei. Beiden Sphären nähert sich der Ich-Erzähler an, als seine Mutter krankheitshalber kürzertreten muss und den Sohn für einige Wochen sich selbst überlässt.

Hat seine Mutter bisher noch jegliche Liebesbeziehung im Keim erstickt, lernt er durch einen Zufall eine junge Chorsopranistin der Staatsoper kennen. Parallel dazu entdeckt er in einem Plattengeschäft eine CD von Anna Netrebko, in die er sich augenblicklich verliebt. Nach und nach wird seine neu entdeckte Opern-Affinität zur Besessenheit, Tagtraum und Wirklichkeit verschwimmen immer mehr. Da hat der Anwalt alle Hände voll zu tun, seine Geheimnisse zu bewahren: vor seiner Mutter, seiner neuen Freundin und natürlich Anna, deren Bild er sich in Postergröße ins Schlafzimmer gehängt hat.

Im Laufe der Handlung vermag es Freitag, seinem Protagonisten durch Rückblenden ins Internat oder kuriose Klienten immer mehr Profil zu verleihen. So wird er von einem ehemaligen Schulkollegen, der mittlerweile zum renommierten Kulturjournalisten aufgestiegen ist, coram publico als „Muttersöhnchen“ bezeichnet, ein Klient aus der Provinz nervt ihn mit Rechtsstreitigkeiten rund um die Gefühle von Gebäuden. Den Höhepunkt der Demütigung bildet Mutters Entscheidung, die Kanzlei zu verkaufen, statt sie ihrem Sohn zu überschreiben.

Wie und auf welche Weise es schließlich zur „Entführung der Anna Netrebko“ kommt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Der Weg dorthin bietet jedoch einen unterhaltsamen Einblick in familiäre Abhängigkeiten, bürgerliches Kunst- und Kulturverständnis und ungewöhnliche Begegnungen im Rotlichtmilieu. Wie sich ein Mann in den eigentlich besten Jahren mit eigentlich besten Voraussetzungen unheilbar verrennen kann, zeigt Günther Freitag mit viel Liebe zum Detail, ohne seinen Protagonisten aber je bloßzustellen. Ein Buch nicht nur für Opernfans und Muttersöhnchen.

(S E R V I C E - Günther Freitag: „Die Entführung der Anna Netrebko“, Wieser Verlag, 260 Seiten, 21 Euro)




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