Letztes Update am Fr, 16.10.2015 12:06

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Brüchige Biografien: „Junge Hunde“ von Cornelia Travnicek



Wien (APA) - Die Verfilmung ihres Debütromans „Chucks“ läuft derzeit in den Kinos. Nun legt die junge österreichische Autorin Cornelia Travnicek ihren zweiten Roman vor. Für einen Auszug aus „Junge Hunde“ hat sie 2012 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Publikumspreis erhalten. Jetzt ist das Buch fertig. Es führt bis nach Peru und China.

Auch Travniceks neues Buch kann als Entwicklungsroman gelesen werden. Allerdings sind Entwicklungen selten geradlinig - im Leben wie in diesem Roman. Also muss man sich dieses Buch, in dem es um Begriffe wie Familie und Freundschaft, Herkunft und Zugehörigkeit im Zeitalter der Globalisierung geht, als Leser auch erst einmal erarbeiten. Was durchaus spannend ist, weil man nicht gleich weiß, wohin die Reise geht.

Zu Beginn fühlt man sich an Arno Geigers „Der alte König in seinem Exil“ erinnert: Johannas Vater ist dement. Die Mutter hat sich vor Längerem zur Selbstverwirklichung nach Peru vertschüsst. Johanna und ihr Bruder Stefan müssen nun das Haus ihrer Kindheit räumen, denn der Vater kommt ins Pflegeheim. Viele Erinnerungen finden sich, Spuren des früheren Lebens, in dem manches unklar ist, und auch die eigene Herkunft plötzlich ungewiss wird: Eine Postkarte enthüllt, dass Johannas Vater ihre Mutter erst kennenlernte, als diese mit ihr schwanger war. Der vermeintliche eigene Erzeuger wird zum „Lebensabschnittsvater“.

Einen zweiten Erzählstrang bestreitet der Ich-Erzähler Ernst. Auch Ernst ist auf Spurensuche, allerdings in China. Dass sein Chinesisch vor Ort kaum verstanden wird, ist eine Art Running Gag im Buch, der wohl auch eigenen Erfahrungen der Autorin geschuldet ist, die in Wien Sinologie studierte. Allmählich kristallisiert sich heraus: Ernst wurde in China geboren, als Baby von einem österreichischen Paar adoptiert („Ich bin adaptiert“, verkündete Klein-Ernsti einst) und wuchs als bester Freund Johannas auf.

Und dann gibt es noch Glantz und Gloria - den allein stehenden Herrn Waldemar Glantz und sein Malteserhündchen Gloria nämlich, Nachbarn der Studentin Johanna. Denn „Junge Hunde“ gibt es natürlich auch in Travniceks Buch, sie heißen Gloria, Balu, Baghira oder Manfred und sind durchaus eigenständige Charaktere: „Die Hündin geht ihren eigenen Angelegenheiten nach.“ Auch über Bienen erfährt man zwischendurch manches.

Das klingt verwirrend, und ist es stellenweise auch. Aber allmählich gelingt es einem, die einzelnen Komponenten zusammenzusetzen. Dass sich daraus dennoch keine große, runde, glatte Gesamtgeschichte ergibt, sondern alles rau, brüchig und mitunter widersprüchlich bleibt, ist kein Defizit, sondern macht einen Teil der Qualität dieses unaufgeregt und stilsicher erzählten Buches aus. Es ist eigensinnig, unangepasst und manchmal etwas rätselhaft. Gut so.

(S E R V I C E -“Junge Hunde“ von Cornelia Travnicek, DVA, 240 S., 15,50 Euro, Lesungen u.a. am 20. Okt., 19 Uhr, im Literaturhaus Graz; am 21. Okt., 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Hartliebs Bücher, Wien 9, Porzellangasse 36; am 22. Okt., 18.30 Uhr, in der Stadtbücherei Baden und am 21. Nov., 18 Uhr, beim NÖ Bibliotheken Award auf Schloss Grafenegg)




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