Letztes Update am So, 06.12.2015 10:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schlingerkurs: Fellinis „Schiff der Träume“ im Schauspielhaus Hamburg



Hamburg (APA) - Nahezu alle deutschsprachigen Theater ringen um adäquate Diskussionsbeiträge zur Flüchtlingskrise. Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ steht derzeit hoch im Kurs, ebenso eigene Projekte, bei denen nach Möglichkeit Refugees selbst zu Wort kommen. Nun wird „Das Schiff der Träume“ nach dem Fellini-Film „E la nave va“ für diese Aufgabe vom Stapel gelassen. Gestern in Hamburg, im März in Dresden.

Karin Beier, Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, nennt ihr Projekt „Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini“. Sie nimmt das Motiv der musikalischen Totenfeier auf, entwickelt diese vorzugsweise kabarettistisch und bricht es mit der Konfrontation mit der Flüchtlingsrealität. Afrikanische Vitalität trifft europäische Dekadenz - da wimmelt es nur so vor Klischees.

Aus der Seebestattung einer Operndiva unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dem metaphernreichen Grundmotiv des Filmklassikers von 1983, machen Karin Beier und ihre Co-Textautoren Stefanie Carp und Christian Tschirner die letzte Reise eines Orchesters mit der Asche des verstorbenen Dirigenten, die in den Fluten der Ägäis verstreut werden soll, auf der „CS Europa Cultural Cruising“.

Der despotische tote Wolfgang liest in seinem letzten Willen, den sein Stellvertreter (Charly Hübner mit langem Künstler-Haarzopf) zur Verlesung bringt, noch einmal dem gesamten Klangkörper die Leviten und wünscht sich zum Begräbnisritual eine letzte Aufführung seines Werks „Human Rights No. 4“ das sich u.a. durch den Einsatz von Schwimmflossen als Schlagwerk (Josef Ostendorf beherrscht dies souverän) auszeichnet.

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Das Ganze präsentiert sich vor einer Art großen Regalwand aus mehreren Kabinen auf drei Decks, die nach dreieinhalb Stunden eindrucksvoll in Schieflage geraten wird, als eine fröhliche Mischung aus Musikkabarett, Zivilisationskritik und „Traumschiff“-Parodie, die auch vor heftigen, von Lina Beckmann als Servierkraft Astrid (hört sich immer wie „Arschtritt“ an und ist jedes Mal ein sicherer Lacher) souverän servierten Sprachfehler-Witzen à la „Jakobsmuschi“ nicht halt macht. So weit, so harmlos. Ein bunter Abend, der niemandem wehtut.

Da tauchen fünf schwarze Männer auf, und Chefstewart Thorsten (Jan-Peter Kampwirth) gibt bekannt, man habe in der Nacht die in Seenot geratenen Insassen eines Flüchtlingsboots aufgenommen („das internationale Seerecht verpflichtet uns dazu“) und auf dem Unterdeck untergebracht: „Das schaffen wir doch?“ Alles, was die „Das Boot ist voll“-Metapher hergibt, wird mal durchgespielt, ehe die dahinschippernde Luxusgesellschaft realisieren muss, dass es sich bei den Aufgenommenen nicht etwa um dankbare Underdogs handelt, die sich brav ein- und unterordnen, sondern um selbstbewusste, vitale junge Menschen, die sich in aller Ruhe auf dem Oberdeck breitmachen.

Daraus könnte nun viel gefährliche Reibung entstehen - Beier entschließt sich jedoch, den Kabarett-Kurs fortzusetzen und mit Kleinkunst- und TV-Show-Mitteln zu arbeiten, statt große, theatrale Bilder über den möglichen Untergang der „CS Europa“ zu entwerfen. Sie hätten beunruhigende Dokus über Europa gesehen, ein Kontinent voller Depression und demografischer Probleme, erzählen die fröhlichen Schwarzen. Daher hätten sie sich auf den Weg gemacht, um bei der Behebung dieser Probleme ihren Anteil zu leisten: Sie bringen Fröhlichkeit, Humor und den besten Vorsatz, die Geburtenrate rasch zu heben. Sie veranstalten eine Lecture über die Deutschen als aussterbende Rasse, ein Publikums-Quiz und einen Tanzworkshop, bei dem Völkerverständigung und Multikulti wie aus dem Lehrbuch praktiziert werden.

Doch gerade, als man sich glänzend miteinander versteht, werden die Afrikaner von der Ordnungsmacht wieder auf das Unterdeck zurückverfrachtet. Und der immer banaler gewordene Abend endet mit einer plumpen Pointe: „Das war unser Integrationstraining Afrika - Europa. Danke, das ist schon mal sehr gut gelaufen. Und morgen nehmen wir uns den Nahen Osten vor...“

Respektvoller Applaus, begleitet von dem starken Gefühl: Diesen Schlingerkurs haben sich weder Federico Fellini noch die Flüchtlinge verdient. Kein Schiffbruch für das „Schiff der Träume“, aber doch keine Traumreise. Der Reiseveranstalter kann sich schon mal auf Reklamationen gefasst machen.

(S E R V I C E - „Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem“, nach Federico Fellini, Textfassung: Karin Beier, Stefanie Carp, Christian Tschirner, Regie: Karin Beier, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Nächste Vorstellungen: 12., 22.12., www.schauspielhaus.de)




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