Letztes Update am So, 06.12.2015 12:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Der eingebildete Kranke“: Fritschs buntes Grusel-Ballett an der Burg



Wien (APA) - „Darm mit Charme“ und „avec Klistier“: Der deutsche Regisseur Herbert Fritsch geizt bei seinem Burgtheater-Regiedebüt nicht mit billigen Gags. In Kombination mit einer an Falcos „Rock me Amadeus“ gemahnenden Ausstattung und einer gewagten Sound-Installation gerät seine Inszenierung von Molieres „Der eingebildete Kranke“ zu einem irren Grusel-Ballett, in dessen Zentrum Joachim Meyerhoff brilliert.

Das wirre, grünlich schimmernde Haar, das dem Hypochonder Argan in Fäden vom Kopf absteht, ragt aus dem Souffleurkasten. Bald erscheint der dazugehörende blass geschminkte Kopf und Meyerhoff hebt zu seiner Litanei über horrende Rezeptkosten an. Mehrfach am Tag durchgeführte Darmspülungen gehen zwar ins Geld, verlängern aber das Leben. Daran lässt dieser fahrige, entrückte und nicht nur latent hysterische Mann keinen Zweifel. Auf dem Rücken liegend schiebt er sich aus der goldenen Muschel an der Bühnenrampe und beginnt, mit einer imaginären Handglocke nach seinem Dienstmädchen Toinette zu läuten. „Klingelingeling, kling Glöckchen kling.“

Was sich in den folgenden drei Stunden auf dieser von Fritsch selbst gestalteten Bühne, die bis auf drei Cembali leer bleibt und auf deren weiße Kulissen überdimensionale Röntgenbilder projiziert werden, abspielt, ist eine Huldigung an den Nonsense mit opulent zur Schau getragener Spiellust. Molieres 1673 uraufgeführte Komödie bildet nur mehr die Leinwand für sprachliche wie optische Verfremdungseffekte. Diese werden auch akustisch konsequent durchexerziert: Ingo Günther liefert Kompositionen, die per Midi-Signal an die drei auf der Bühne platzierten selbstspielenden Cembali gesendet werden, die auf diese Weise Klänge erzeugen, die laut Programmheft manuell gespielt nicht umgesetzt werden könnten. Die präzise ins Geschehen eingeflochtenen Triller und Tremoli lassen einen Barock-Punk entstehen, der seinesgleichen sucht.

Getragen wird dieser wilde Abend, den man lieben oder hassen kann, der aber sicher nicht kalt lässt, von einem grandiosen Ensemble, mit dem Fritsch sichtbar intensiv gearbeitet hat. Jede Figur sitzt, jeder einzelne der Akteure hat ein charakteristisches Sprach- und Bewegungsproblem, dass es eine Freude ist. An vorderster Front taumelt naturgemäß Meyerhoff durch das Geschehen, der mit eingedrehten Knien und verzerrtem Gesicht stets wirkt, als stehe die Darmentleerung kurz vor ihrer Vollendung. Die größte Leistung des Abends bringt jedoch Markus Meyer, der für die in den Endproben verletzungsbedingt ausgefallene Caroline Peters als Dienstmädchen Toinette eingesprungen ist. Seine pikierte, vulgäre Interpretation der treuen Dienerin, die im Hintergrund die Fäden in der Hand hält, zieht die Blicke des Publikums nicht selten von Meyerhoff ab. Fritsch hat ihre Figur zudem mit der Rolle von Argans Bruder Beralde verwoben, was zu annähernder Dauerpräsenz auf der Bühne führt.

An Derbheit übertroffen wird Toinette allerdings von Argans hyperaktiver Tochter Angelique, die Marie-Luise Stockinger hauptsächlich in angedeuteten Schwimmbewegungen über die Bühne schlingern lässt. An einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung leidet auch ihr Liebhaber Cleanthe, den Laurence Rupp mit blonder Lockenmähne in breitestem Wiener Dialekt gibt. Gestört wird die junge Liebe freilich durch die väterlichen Wünsche, die Tochter mit einem angehenden Arzt zu verheiraten. Daran, dass es diesem deutlich an IQ mangelt, lässt Simon Jensen als Thomas Diafoirus (nicht selten als „Diarrhö“ ausgesprochen) keinerlei Zweifel. Sekundiert wird er von seinem gruseligen Vater, dem Ignaz Kirchner einen diffusen Horror einhaucht.

Kein Wunder, dass Thomas „Ich bin der Thomas“ Diafoirus am Ende zu Argans nicht gerade besonders hellen Tochter Louison (Marta Kizyma) findet, die eine Vorliebe für laaang gezogene Vokale hegt. Mit der richtigen Aussprache hapert es auch bei Argans zweiter Ehefrau Belinde: Dorothee Hartinger balanciert ihre 50 Zentimeter hohe rosarote Lockenperücke über die Bretter und trifft mit Sicherheit jede metrische Betonung falsch. Johann Adam Oest lässt seine eindrucksvollen Augenbrauen als Argans Arzt Dr. Purgon spielen. Ärzte tragen hier übrigens grundsätzlich zehn Zentimeter lange Fingernägel. Hermann Scheidleder macht das Gruselkabinett in seiner Doppelrolle als Apotheker und Notar voll.

Fritsch jagt seine Figuren übers Parkett, lässt sie stolpern, innehalten und zusammenprallen, dass das Publikum in manchen Szenen hörbar den Atem anhält. An anderer Stelle sorgte am Samstagabend ein Lachanfall einer Zuschauerin für unfreiwilliges Innehalten auf der Bühne. Das einsatzfreudige Ensemble erntete am Ende großen Jubel. Unter den Applaus für den sich im Kleid verbeugenden Regisseur mischten sich wenig überraschend auch einige Unmutsbekundungen, die jedoch bald untergingen.

(S E R V I C E - „Der eingebildete Kranke“ von Moliere. Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Victoria Behr, Musik: Ingo Günther. Mit u.a. Joachim Meyerhoff, Markus Meyer, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockinger, Martha Kizyma und Laurence Rupp. Weitere Termine: 6., 8., 19., 21. und 31. Dezember, 6., 10., 18. und 31. Jänner sowie am 3. und 5. Februar zu unterschiedlichen Beginnzeiten. Karten und Infos unter www.burgtheater.at)




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