Letztes Update am Mo, 07.12.2015 09:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutsche Schauspielerin Edith Clever wird 75



Berlin (APA/dpa) - Ihre Stimme machte Edith Clevers feinnervige Bühnenauftritte zu großer Kunst. Mit ihrer extrem präzisen Sprachgestaltung gelang es der deutschen Schauspielerin, vor den Augen der Theaterzuschauer ganze Welten zu erschaffen und die Schicksale ihrer Figuren zu gestalten. Der Star der alten Berliner Schaubühne unter Regisseur Peter Stein feiert am Sonntag (13. Dezember) den 75. Geburtstag.

„Ich glaube, man kann der Magie der Zahlen nicht entkommen“, sagt Clever im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur über ihren runden Geburtstag. „Wir fürchten uns davor. Aber sie initiieren uns für das Kommende.“ Vor zwei Jahren stand sie in Luc Bondys „Tartuffe“-Inszenierung im Wiener Akademietheater zuletzt auf der Bühne. Wird sie noch einmal ans Theater zurückkehren? „Ich habe mich jetzt so in die Stille begeben - und da wieder hinauszugehen, und diese ganze Nervenkiste, die damit verbunden ist... ich weiß nicht, ich kann es mir nicht mehr so richtig vorstellen“, so Clever. Zeit ihres Lebens litt sie unter heftigem Lampenfieber. „Danach sehne ich mich ganz bestimmt nicht zurück.“

Ins Theater geht Clever, die 2006 mit dem Nestroy-Preis als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde, auch als Zuschauerin nicht mehr gerne. „Weil es mir nicht mehr gefällt“, erzählt die Schauspielerin. „Ich habe das Gefühl, die Geschichten werden meistens sehr willkürlich verhandelt. Man geht nicht mehr so auf die Texte ein, wie ich es gelernt habe und es auch immer noch richtig finde.“

Geboren am 13. Dezember 1940 in Wuppertal, absolvierte Clever ihre Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Nach einem ersten Engagement in Kassel ging sie 1966 ans Theater der Freien Hansestadt Bremen, wo sie unter Kurt Hübner spielte. Es folgten Auftritte an den Münchner Kammerspielen und am Zürcher Schauspielhaus, bevor sie 1971 an die West-Berliner Schaubühne ging.

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Zusammen mit Schauspielerkollegen wie Otto Sander, Bruno Ganz und Jutta Lampe führte Clever die Schaubühne in den folgenden Jahren zu Weltruhm. „Aber diese Art von Ensemble-Theater gibt es heute nicht mehr“, meint Clever. „Wir waren uns einig in dem, was wir wollten. Politisch gingen die Meinungen auseinander, aber wir konnten uns über Texte zusammenfinden. Alles war sehr, sehr konzentriert. Keiner der Schauspieler machte Fernsehen.“

Unter der Regie von Stein feierte Clever ihre größten Triumphe. Sie spielte die Warwara in Gorkis „Sommergäste“ (1975), die Ruth in Strauß‘ „Trilogie des Wiedersehens“ (1978) und die Klytämnestra in Aischylos‘ „Orestie“ (1980). Unvergesslich ist Clevers Auftritt in Steins legendärer Tschechow-Inszenierung „Drei Schwestern“ (1984). Die klassischen Frauenfiguren des Theaters holte sie stets in die Gegenwart. In den Texten spürte sie dem gesellschaftlichen und emotionalen Grund nach.

Als sich das Schaubühnen-Ensemble Ende der 80er Jahre aufzulösen begann, tat sich Clever mit dem Regisseur Hans Jürgen Syberberg zusammen. Es entstand der zweiteilige Syberberg-Film „Die Nacht“ - ein sechsstündiger Monolog zum Thema Nacht, der 1986 als einziger deutscher Beitrag im Festspielprogramm von Cannes lief. Gleichzeitig entrückt und erdverbunden wirkend, prägte Clever auch Syberbergs „Parsifal“-Verfilmung. Dem breiten Kinopublikum ist sie insbesondere durch die elegante Kleist-Adaption „Die Marquise von O.“ (1975/ 76) des französischen Regisseurs Eric Rohmer und den dramatischen Filmessay „Die linkshändige Frau“ (1978) von Peter Handke bekannt.

Gefeiert wurde Clever auch als „Penthesilea“, die sie 1987 im Theatre Bouffes du Nord in Paris spielte. Alle Rollen, fast alle Verse der „Verstragödie in 24 Auftritten“ erweckte sie in einem fast fünfstündigen Solo-Auftritt unter der Regie von Syberberg zum Leben.

1992 gab Clever mit Goethes „Stella“ ihr Debüt als Theaterregisseurin. Ihr wohl wichtigster Inszenierungserfolg war 1998 die Uraufführung von Botho Strauß‘ „Jeffers - Akt I. und II.“ im damaligen Berliner Hebbel-Theater.

1996 kehrte Clever kurzzeitig an die Schaubühne zurück, wo sie Regie und die Titelrolle von Euripides‘ „Medea“ übernahm. Später arbeitete sie fast nur noch mit Luc Bondy zusammen. Seinen Tod empfindet sie als „sehr, sehr schlimm“: Wir kannten uns so lange und ich bin ihm dankbar. Er war der Einzige, mit dem ich noch gearbeitet habe. Die Einsamkeit ist jetzt noch größer.“




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