Letztes Update am Mo, 07.12.2015 12:00

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bloggen und Viagra-Kochen: Sibylle Bergs düsterer Monolog im Vestibül



Wien (APA) - In silber glänzenden Leggings, rosa Hotpants und einer diffusen Angst, bald nicht mehr jung zu sein, stakst Sibylle Bergs namenlose Protagonistin in der österreichischen Erstaufführung von „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ durch ihre Wohnung. Ihre Freunde, um die sich ihr Monolog dreht, sind via Skype, SMS und sogar ICQ zugeschaltet. Als sie schweigen, wird ihr klar: Sie ist allein.

90 Minuten lang monologisiert Sabine Haupt unter der Regie von Martina Gredler als gescheiterter Yuppie auf der Bühne des Burgtheater-Vestibül über die Suche nach dem richtigen Partner fürs Leben und die Unmöglichkeit, heutzutage noch richtige Konsumentscheidungen zu treffen und nimmt nebenbei noch ein Video für ihren verschwundenen Vater Paul auf, dessen Aufenthaltsort erst am Ende des Abends enthüllt wird. Unterstrichen werden ihre Gefühlsregungen (Augenrollen, Kotzen, Wut) durch kleine Videoeinspielungen auf einer runden Leinwand in der oberen rechten Ecke der Bühne. Dort sieht man auf Knopfdruck Sabine Haupts (teils digital bearbeitetes) Gesicht beim Ausdruck der angesprochenen Zustände. Ein Gag, nicht mehr.

Aber ist das Leben der jungen Menschen von heute mehr als ein Gag? Das bezweifelt die junge Frau, die in ihrer Wohnung illegal Viagra kocht und dieses gemeinsam mit ihrer Schwester Gemma übers Internet verkauft, zusehends. Zahlt es sich überhaupt noch aus, die Wohnung zu verlassen, um unter den vielen nach ihrem Studium arbeitslosen oder in zehnjährigen Praktika verharrenden Mitmenschen die große Liebe zu finden? Dort draußen schwitzen sie doch alle nur beim Zumba oder shoppen sich zu Tode.

Definitiv außerhalb ihrer Wohnung befinden sich gerade Gemma, die sich manchmal via ICQ-Chat einschaltet, um über Handtaschen zu quatschen, oder Minna, die gemeinsam mit hunderten gescheiterten Existenzen in ungelüfteten Räumen ihren Körper trimmt und das ab und zu via Skype mit ihrer Freundin teilt. Auch ihre große unerwiderte Liebe Lina ist irgendwo da draußen und zieht es vor, sich dem männlichen Geschlecht anzunähern. Hören kann das Publikum die drei Freundinnen freilich nicht. Ihre Geschichten entstehen durch die jeweiligen Antworten der Frau mit den Silber-Leggings.

Und weil sie so einsam ist, kommt sie zwischen den Bergen von Sandsäcken, die das Bühnenbild beherrschen, natürlich ins Grübeln. Wozu leben wir überhaupt? Um die Weltherrschaft an uns zu reißen? Aber oh je - was zieht man dann an? Es ist eine bitterböse Abrechnung mit der Generation U-40, die die deutsch-schweizerische Autorin Sibylle Berg hier betreibt. Wozu all der Körperkult, wenn wir alle mehr Zeit unseres Lebens damit verbringen werden, alt und schlaff zu sein als jung und knackig? „In der Ohnmacht meines Bürgerinnenstatus obliegt es mir nur, zu randalieren und andere zu erniedrigen, meine Entscheidungsgewalt beschränkt sich darauf, zu bloggen und relevante Konsumentscheidungen zu treffen“, heißt es an einer Stelle.

Untermalt werden die Gedankenfetzen immer wieder durch zugespielte Songschnipsel („Wrecking Ball“, „Purple Rain“ oder „I will always love you“) sowie mit einem Mikro in die Welt geschleuderten Gedichten. Auch eine Mini-Kamera kommt zum Einsatz, mit der Sabine Haupt von ihren Nasenhaaren über die belegte Zunge bis hin zu ihrem Gaumensegel ihren Körper exploriert. So kann man Langeweile auch verbildlichen.

Der unbändige Wunsch, zumindest aus zerrütteten familiären Verhältnissen zu kommen, um beim Jugendgericht auf „mildernde Umstände“ hoffen zu können, hat sich bei dieser jungen Frau gar so stark verhärtet, dass sie selbst in das Schicksal ihrer Eltern eingegriffen hat. Das ist die starke Pointe dieses Abends, dessen Aussichtslosigkeit das hauptsächlich junge Publikum hörbar erheiterte. Der vielleicht mehr im Leben stehende Teil der Zuschauer mag sich an dem Gedanken festgehalten haben, dass es doch sicher auch anders geht. Draußen, wo man sich nun mal behaupten muss. Einen Versuch ist es wert.

(S E R V I C E - „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg. Österreichische Erstaufführung. Regie: Martina Gredler. Mit Sabine Haupt. Bühne: Jura Gröschl. Weitere Termine im Vestibül: 9. und 16. Dezember sowie 5., 8., 9. und 23. Jänner und 2. Februar. Tickets und Infos unter www.burgtheater.at)




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