Letztes Update am Di, 08.12.2015 06:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Qualvoller Weg in die Freiheit - Kubanische Flüchtlinge erzählen



Miami (APA/dpa) - Andres Enriquez Urrutia betrachtet glücklich seine neue Beinprothese. Die hat der Kubaner nur eine Woche nach seiner Ankunft in den USA bekommen. 20.000 Dollar ( (18.5000 Euro) sei sie wert - „aber mich hat sie nichts gekostet, nur ein Dankeschön“, sagt Enriquez.

Mit seiner alten, zu kurzen und bereits kaputten Prothese hatte der 31-Jährige im März seine Heimat verlassen und eine lange Reise angetreten - in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Vereinigten Staaten. Er ist einer von Tausenden Kubanern, die den kommunistischen Karibikstaat heuer auf dem Wasser-, Luft- und Landweg verlassen haben, um in die USA zu gelangen. Sie alle treibt eine Angst: Dass Washington die bisher gültigen Regeln ändert und sie demnächst keine Aufenthaltsgenehmigung mehr bekommen.

Denn im Juli hatten sich beide Länder nach einer mehr als 50 Jahre dauernden Eiszeit erstmals wieder angenähert und diplomatische Beziehungen aufgenommen. Bisher bekommen Kubaner von Washington ein Bleiberecht zugesprochen, sobald sie festen amerikanischen Boden unter den Füßen haben. Im Meer jedoch können sie von der Küstenwache noch zurückgeschickt werden - die sogenannte „Wet foot, dry foot“-Politik. „Ich glaube nicht, dass die Regeln völlig außer Kraft gesetzt werden, aber sie werden sich ändern“, sagt Enriquez.

2015 verzeichnete nicht nur die Landgrenze zwischen Mexiko und den USA Rekordzahlen an kubanischen Flüchtlingen, auch landeten ungewöhnlich viele Menschen in wenig seetüchtigen Booten an der Küste von Florida. Laut Küstenwache kamen bis Ende September 4462 Menschen. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2014 waren es 3.722, ein Jahr zuvor 2129.

„Jedes Mal, wenn so ein Gerücht ins Rollen kommt, erleben wir eine Einwanderungswelle“, erklärt Frank Figueroa von der Organisation „Miami Church World Service“, die Kubaner in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft in den USA unterstützt. Ein Sprecher des Grenzschutzes sagt der Deutschen Presse-Agentur: „Die Änderung in den Beziehungen zu Kuba bedeutet nicht, dass wir unsere aktuelle Einwanderungspolitik ändern werden.“

Dennoch, die Angst vieler Kubaner wird durch solche Aussagen bisher nicht beschwichtigt. Oft riskieren sie ihr Leben, um die USA zu erreichen - und somit entweder politischer Verfolgung oder wirtschaftlicher Misere in ihrer sozialistischen Heimat zu entgehen. Der Landweg führt über viele Grenzen und Hindernisse, Flüchtlinge berichten von Erpressung, Gewalt und Diebstahl. Wie viele andere wählte Enriquez die derzeit beliebteste Route, die ihn durch sieben Länder geführt hat: Er flog nach Ecuador, wo Kubaner bis jetzt kein Visum benötigten, und reiste dann durch Kolumbien, Panama, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala und Mexiko. Nun jedoch hat auch Ecuador seine Regeln geändert, um dem Ansturm Herr zu werden: Seit dem 1. Dezember benötigen Kubaner ein Visum.

In Kolumbien habe er einen Kleinbus in die Stadt Cali nehmen wollen, sagt Enriquez. Aber dann sei er von Polizisten angehalten worden. Viele Flüchtlinge berichten von Gewalt und Korruption in dem Land. „Sie haben mich aufgefordert, mich auszuziehen, dann haben sie mir mit einem Messer die Prothese aufgeschnitten und mein Smartphone und 800 Dollar (750 Euro) gestohlen.“

Auch Alex Gonzalez ist gezeichnet von der Flucht, während er im südmexikanischen Grenzort Tapachula auf die Papiere zur Weiterreise nach Norden wartet. „Die ganze Reise ist eine Qual“, meint er - und das unabhängig davon, ob jemand den Wasser- oder den Landweg wähle. „Im Meer haben die Menschen mit schlechtem Wetter zu kämpfen, an Land mit Schleppern und Polizei.“ In Kuba hat Gonzalez seine Frau und zwei Kinder zurückgelassen. Wenn er einmal in den USA Fuß gefasst hat, will er sie finanziell unterstützen. Aber derzeit hat er überhaupt kein Geld mehr, „mit nichts“ sei er in Mexiko angekommen, sagt er.

Aber auch die Bootsflüchtlinge haben es nicht leicht. Daniel (42) und Carlos (52) etwa landeten erst im November an den luxuriösen Stränden von Miami - in einem Aluminium-Boot, mit dem Carlos auf Kuba als Fischer arbeitete. „Ich habe immer in ruhigem Wasser gefischt, ich hatte keine Ahnung, wie das Meer sein kann“, sagt er. „Wir sind auf Wellen gestoßen, die ich mir vorher nie vorstellen konnte.“

„Der Weg ist hart“, bringt es Gonzalez auf den Punkt. Aber auf Kuba habe er nicht mehr leben wollen. „Zwar haben wir ein paar Tage lang unser Leben riskiert, aber dafür können wir in den USA in Freiheit leben und haben Rechte, die es in meinem Land nicht gibt.“




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