Letztes Update am Di, 08.12.2015 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Heilige oder Heuchlerin? - Das kurze und intensive Leben von „Evita“



Buenos Aires/Wien (APA) - „Don‘t cry for me, Argentina“ - zweifellos war es das Musical „Evita“ von Andrew Lloyd Webber, das Eva Peron 1978, mehr als 25 Jahre nach ihrem Tod, auch international zur Ikone machte. In ihrer Heimat wurde die jung verstorbene Ehefrau von Präsident Juan Peron schon zu Lebzeiten ebenso vergöttert wie gehasst. Das erzählt die Lateinamerika-Expertin Ursula Prutsch in einer neuen Biografie.

„Leben und Sterben einer Legende“ lautet der Untertitel des im C.H.-Beck-Verlag erschienenen Buches. Die in Graz geborene Autorin ist Dozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und beschäftigt sich insbesondere mit der Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert. Sie resümiert detailgetreu ein kurzes, aber umso intensiveres Leben: Die 1919 geborene „Evita“ starb bereits 33-jährig an Krebs.

Als Eva Duarte in einfachsten Verhältnissen geboren, schaffte sie als mittelmäßige Schauspielerin und Radiointerpretin den Aufstieg zur „Primera Dama“ Argentiniens und schied dabei die Geister. Für die einen war sie eine Heilige, die wegen ihrer eigenen Wurzeln gegen Armut und Ausgrenzung der Unterprivilegierten kämpfte, für die anderen eine Heuchlerin, die sich nur geschickt selbst inszenierte, um selbst zu Macht, Glamour und Reichtum zu gelangen.

Im Grunde dürfte beides ein bisschen stimmen. „Dass sie tatsächlich das Elend beseitigen und den Unterschichten materiellen Aufstieg ermöglichen wollte, ist ihr - und Juan Peron - durchaus zuzugestehen“, schreibt Prutsch. Aber: „Eva Peron war eine Populistin und dadurch eine Ikone moderner Politik. Sie steht für ein starkes Wir-Gefühl, das Feindbilder sucht und findet.“

Aufopfernde Samariterin einerseits, trendige Stilikone andererseits: „So kann die Geschichte von Eva Peron auch als Lehrstück für das Handeln von Populisten gelten, heißen sie nun Hugo Chavez, Victor Orban, Jean-Marie und Marine Le Pen, Jörg Haider und Sarah Palin.“ Es ist diese Einbettung in einen größeren politisch-historischen Kontext, die das Buch interessant machen, aber auch Geschichten wie jene über die Odyssee des einbalsamierten Leichnams der ehemaligen Präsidentengattin.

Erst wurde er im Sitz des Gewerkschaftsbundes CGT aufgebahrt, weil erst ein Mausoleum gebaut werden sollte, dann - nach dem Sturz Juan Perons - heimlich nach Italien gebracht und unter falschem Namen. Erst in den 1970er-Jahren fand Evita - der vertriebene Juan hatte ein Comeback gefeiert - doch in Argentinien ihre letzte Ruhe. Und dort wurde bei den jüngsten Präsidentenwahlen ja mit dem Sieg des liberal-konservativen Oppositionsführer Mauricio Macri auch der „linke Peronismus“ zu Grabe getragen. Doch wer weiß, vielleicht wird auch er im Lauf der Geschichte wieder einmal exhumiert...

S E R V I C E: Prutsch, Ursula: Eva Peron, Leben und Sterben einer Legende. C.H. Beck Verlag. München, 2015. 252 Seiten, 17,50 Euro. ISBN 978-3-406-68276-6




Kommentieren