Letztes Update am Mi, 09.12.2015 12:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Es ist nicht alles Gold, was glänzt: „Schneekönigin“ an der Volksoper



Wien (APA) - Acht Jahre jung ist das Handlungsballett „Die Schneekönigin“ und mutet dennoch so alt(backen) an wie das Märchen, das ihm zugrunde liegt. Frei nach Hans Christian Andersens 1844 erschienener Geschichte hat der britische Choreograf Michael Corder ein funkelndes, aber recht fades Ballett geschaffen und nun mit dem Wiener Staatsballett erarbeitet. Gestern, Dienstag, war Premiere an der Volksoper.

Zahlreiche Male wurde „Die Schneekönigin“ für Film, Theater, Hörspiel, Oper und Musical bereits bearbeitet - zuletzt höchst erfolgreich von Disney im Animationsfilm „Die Eiskönigin“ („Frozen“). Zu seiner Ballettfassung für das English National Ballet 2007 wurde Corder von der Musik Sergej Prokofjews inspiriert. Die späte Ballettpartitur „Die Steinerne Blume“ stellt das Gerüst des Dreiakters und wird von Arrangeur Julian Philips mit Auszügen aus „Krieg und Frieden“ sowie der fünften Sinfonie des russischen Komponisten ergänzt.

Die zentralen Charaktere aus „Die Schneekönigin“ sind jenen der „Steinernen Blume“ nicht unähnlich, geht es doch hier wie dort um die Zerrissenheit eines jungen Mannes zwischen reiner Liebe und verführerischer Kraft. Corder übernimmt von Prokofjew die Verortung im Russland des 19. Jahrhunderts und adaptiert Andersens Märchen stark: So werden aus den Kindern die jungen Erwachsenen Gerda und Kay, deren blühende Liebe im Bergdorf-Idyll der eifersüchtigen Schneekönigin ein Dorn im Auge ist. Als die Königin Kay in ihren Eispalast entführt, macht sich Gerda auf die gefährliche Suche nach ihm - und kann ihn schließlich mit einem Kuss, der sein erkaltetes Herz erwärmt, retten.

Zu weiten Teilen wirkt Prokofjews prachtvolle, in dunklen Momenten von Posaunen geprägte Musik (Dirigent: Martin Yates) wie gemacht für „Die Schneekönigin“. Mitunter aber suggeriert sie hochtrabend Bedrohung und Romantik, wo auf der Bühne schlicht keine ist - und klingt bei einer sehr, sehr langen Ballszene im königlichen Palast gar zu fröhlich, um die Szenerie für Kay beängstigend zu machen. Dass Splitter eines teuflischen Spiegels in Kays Herz und Auge landen, wodurch das Schöne für ihn unsichtbar wird, bekommt man schlicht und einfach nicht mit, weil die Musik den dramatischen Moment nicht unterstreicht.

Ganz generell ist es die große Schwäche von Corders Adaption, dass düstere Elemente, komplexe Zusammenhalte und fantasievolle Figuren aus der Vorlage gestrichen wurden und die Handlung soweit geglättet ist, dass man nie um den entführten Kay zittert. Warum Corder zudem Andersens Räuberfamilie zu einer Gruppe saufender, krimineller, ungehaltener „Zigeuner“ (im Programm ohne Anführungszeichen angeführt) samt Kopftuch und goldenen Ohrringen macht und damit überwunden geglaubte Klischees reproduziert, erschließt sich nicht - und ist im 21. Jahrhundert schlicht fehl am Platz.

Gerettet wird ein sonst gar klischeebeladener, langwieriger Abend durch die Leistungen des Staatsballetts: Olga Esina wirkt als Schneekönigin weniger diabolisch denn Respekt einflößend erhaben und ist der umjubelte Blickfang des Abends - samt Funkeln am strassbesetzten Diadem ebenso wie in ihren Augen. Die junge Russin beweist erneut ungemeine Ausdruckskraft, brilliert auf Zehenspitzen ebenso wie in der Luft, wenn sie majestätisch auf zwei als Wölfen kostümierten Tänzern (Kraftakt: Leonardo Basilio, Jakob Feyferlik) thront. Im großen Showdown schnellt sie, von ihren tierischen Untergebenen hoch gehoben, rasant auf die Konkurrentin herab - ein Höhepunkt in Corders Choreografie, die zuvor allzu konventionell und klassisch gehalten ist. Den Tänzern wird technisch einiges abverlangt, vor allem in punkto Dauer und Tempo. Alice Firenze als liebliche, sich sorgende Heldin und Davide Dato als zuweilen launischer, dann gebremster Kay sind stark, verblassen aber gegenüber der herausragenden Esina.

Das vorweihnachtliche Timing des „Familienfests à la Nussknacker“, so die Volksoper in ihrer Ankündigung, scheint jedenfalls perfekt. Kinder haben in punkto Kostüme und Kulisse dank Ausstatter Mark Bailey und Lichtdesigner Paul Pyant tatsächlich viel zu sehen: Teils künstlicher, teils projizierter Schnee rieselt unermüdlich von der Decke; in der in weißes Licht getauchten Eiswelt der Schneekönigin funkelt es von allen Seiten; Polarfüchse, Wölfe und das Rentier sind dank verspielter Kostüme mit Puschel-Elementen klar als solche erkennbar. Letzteres schlägt bei Berührung Gerdas zauberhaft aus, und galoppiert förmlich über die Bühne. Weniger kinderfreundlich ist die Dauer, zieht sich die Inszenierung doch inklusive zweier Pausen über fast drei Stunden. Am Ende gab es tosenden Applaus für die Compagnie und freundlichen Beifall für das Londoner Kreativteam.

(S E R V I C E - Wiener Staatsballett: „Die Schneekönigin“ an der Volksoper Wien, Choreografie, Inszenierung und Einstudierung: Michael Corder, Ausstattung: Mark Bailey, Licht: Paul Pyant, Musik: Sergej Prokofjew, Dirigent: Martin Yates. Mit: Olga Esina (Schneekönigin), Davide Dato (Kay), Alice Firence (Gerda), Ketevan Papava („Zigeunerin“), u.a. Weitere Termine: 10., 13., 18. und 22.12., 3. 10. und 17.1., 21.2. sowie 1., 10. und 13.3.; Karten: 01 / 513 1 513, www.volksoper.at)




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