Letztes Update am Mi, 09.12.2015 12:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutsche Volks- und Raiffeisenbanken sehen ab 2017 mehr Gegenwind



Berlin (APA/Reuters) - Die rekordniedrigen Zinsen werden ab dem übernächsten Jahr deutliche Spuren in den Bilanzen der Volks- und Raiffeisenbanken hinterlassen. „2015 wird ein ordentliches Jahr. Auch 2016 gehen wir optimistisch an“, sagte Uwe Fröhlich, der Präsident des Branchenverbands BVR, in einem am Mittwoch veröffentlichten Reuters-Interview.

Danach werden die Banken nach Einschätzung des BVR jedoch stärker zu spüren bekommen, dass immer mehr höher verzinste Kredite und Anlagen auslaufen. „2017 und 2018 werden schwieriger - der Zinsüberschuss wird dann stärker unter Druck geraten. Auch 2019 werden wir noch erfolgreich agieren, allerdings auf deutlich reduziertem Ertragsniveau.“

Im vergangenen Jahr fuhren die 1.047 Kreditgenossenschaften einen Gewinn von 2,3 Mrd. Euro ein. Dass der Leitzins der Europäischen Zentralbank (EZB) seit September 2014 auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent liegt, macht den Genossen jedoch mehr Sorgen als anderen Geldhäusern. Volks- und Raiffeisenbanken haben nämlich rund 100 Mrd. Euro mehr Einlagen, als sie als Kredite herausgeben. Die Niedrigzinsen stellten für sie aber „keine existenzielle Bedrohung dar“, sagte Fröhlich. „Wir wachsen seit 2009 im Kreditgeschäft jedes Jahr netto um gut vier Prozent. Das hilft uns, sinkende Margen zu kompensieren.“ Wenn die Konjunktur in Deutschland weiter gut laufe und die Nachfrage nach Immobilien hoch bleibe, werde die genossenschaftliche Finanzgruppe diesen Trend fortsetzen.

Die Zahl der Kreditgenossenschaften - dazu zählen neben Volks- und Raiffeisenbanken auch Sparda-Banken, PSD Banken und genossenschaftliche Sonderinstitute - sei im laufenden Jahr durch Fusionen um 30 bis 40 gesunken, erklärte Fröhlich. „Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend im nächsten Jahr leicht beschleunigen wird. Wir werden dann vermutlich die 1.000er-Grenze unterschreiten.“ Verantwortlich dafür seien neben den Niedrigzinsen auch die höheren Anforderungen der Regulierer, sagte der BVR-Präsident. „Kleine und mittelgroße Genossenschaftsbanken müssen heute so viele Auflagen erfüllen, dass es für manche heißen könnte: too small to comply‘.“

Positiv sieht Fröhlich den geplanten Zusammenschluss von DZ und WGZ Bank, die als Zentralbanken der Volks- und Raiffeisenbanken fungieren. Mehrere Versuche, die deutlich größere DZ mit der vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiven WGZ zu verschmelzen, waren in der Vergangenheit gescheitert. Fröhlich ist jedoch zuversichtlich, dass dieses Mal alles glattgeht. „Die Voraussetzungen für die Fusion waren noch nie so gut wie heute.“ Er habe von Volks- und Raiffeisenbanken bisher keine kritischen Stimmen zum Fusionsvorhaben vernommen. „Aber: Gratuliert wird erst nach erfolgreichen Hauptversammlungen der WGZ Bank und DZ Bank im Juni 2016.“

Ein einheitlicher Schutz von Spareinlagen in Europa ist für die deutschen Volks- und Raiffeisenbanken frühestens 2026 denkbar. „Wenn die Bankensektoren in Europa alle gleichermaßen stabil sind, wenn alle Sicherungssysteme gleich stark sind und wenn die Wirtschaftskraft in Europa gleichmäßiger verteilt ist, mag das irgendwann in ferner Zukunft machbar sein“, sagte Fröhlich. „In den nächsten zehn Jahren ist das aber nicht realistisch.“

Die EU-Kommission hat kürzlich angekündigt, ab 2017 schrittweise eine europaweite Einlagensicherung (EDIS) einführen zu wollen. Die deutsche Regierung, die Bundesbank und die deutschen Geldhäuser lehnen dies jedoch ab. „So lange die Bonität von Staaten und Banken so eng verknüpft sind, bin ich nicht bereit, ernsthaft über eine gemeinsame Einlagensicherung nachzudenken“, betonte Fröhlich. Privatbanken, öffentlich-rechtliche Institute und die genossenschaftliche Finanzgruppe in Deutschland sind sich in dieser Frage laut Fröhlich einig. „Manche versuchen, durch kommunikatives Geschick die geschlossene Haltung der deutschen Kreditinstitute aufzubrechen. Aber das wird nicht gelingen.“ Die EU-Kommission hatte zeitweise Ausnahmen für Genossenschaftsbanken sowie Sparkassen und Landesbanken in Aussicht gestellt, ruderte dann jedoch wieder zurück.

Beide Banken-Verbünde haben separate Sicherungssysteme, bei denen schwächelnde Institute gruppenintern aufgefangen werden. „Wir finanzieren mit unserem eigenen Topf Präventionsmaßnahmen und stabilisieren Institute in Risikosituationen“, erklärte Fröhlich. Müssten Volks- und Raiffeisenbanken künftig in einen EU-Topf einzahlen, wäre dieses Geld für ihre Institutssicherung verloren. „Derzeit ist nicht vorgesehen, dass wir für diese präventiven Maßnahmen auf Geld aus dem EU-Topf zurückgreifen dürfen“, sagte Fröhlich. „Auf unsere Gruppe würden erhebliche zusätzliche Kosten zukommen, wenn wir unser erfolgreiches eigenes System zusätzlich zum EU-Fonds am Leben halten wollen.“

Zur BVR-Institutssicherung gehören unter anderem Volks- und Raiffeisenbanken, DZ und WGZ Bank, die PSD Banken, die Sparda-Banken, die Apotheker- und Ärztebank und die Münchener Hypothekenbank. Für Fröhlich steht fest, dass dieses System nicht zugunsten eines EU-Topfes aufgegeben werden darf. „Die Institutssicherung ist das Rückgrat der genossenschaftlichen Finanzgruppe. Sie wird niemals zur Disposition gestellt.“ Die EU-Kommission hat die deutsche Kritik an EDIS zurückgewiesen und „weitere Diskussionen“ mit Sparkassen und Volksbanken in Aussicht gestellt.




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