Letztes Update am Mi, 09.12.2015 15:51

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Widerstand aus Ostfrankreich - Sozialist verweigert Wahl-Rückzieher



Metz (APA/AFP) - Bei Frankreichs Sozialisten wissen viele derzeit nicht, ob sie Jean-Pierre Masseret für seine Standhaftigkeit bewundern oder für seine Dickköpfigkeit zum Teufel wünschen sollen. Denn eigentlich hatte die Parteispitze nach der ersten Runde der Regionalwahlen angeordnet, dass der 71-Jährige seine Liste in Ostfrankreich zurückzieht - um dort einen Sieg des rechtsextremen Kandidaten zu verhindern.

Masseret aber hat auf stur geschaltet und tritt an. Sein Fall zeigt das ganze Dilemma der Regierungspartei im Umgang mit der Front National (FN).

„Es ist die Konfrontation mit der FN, die diese Partei zurückdrängen wird, nicht das Ausweichen“, wiederholt Masseret seit dem verhängnisvollen Sonntagabend unermüdlich. Die von ihm angeführte sozialistische Liste in der Grenzregion Elsass-Champagne-Ardenne-Lothringen war im ersten Wahlgang mit dürftigen 16 Prozent auf dem dritten Platz gelandet - so schlecht schnitt kein anderer sozialistischer Spitzenkandidat ab. Klarer Sieger des ersten Wahlgangs im „Großen Osten“ mit 36 Prozent: FN-Vize Florian Philippot, ein enger Vertrauter von Parteichefin Marine Le Pen und Chefstratege der Rechtsextremen.

In der Parteizentrale der Sozialisten wurde noch am Wahlabend ein schwieriger Beschluss gefasst: Um der FN den Weg zu einem Sieg in den Regionen zu versperren, opfern die Sozialisten vor dem zweiten Wahlgang ihrer erfolglosesten Listen. Denn dadurch steigen dort wenigstens die Chancen der konservativen Kandidaten, die Rechtsextremen mithilfe linker Wähler zu schlagen. Das bedeutet aber auch: In den kommenden fünf Jahren werden die Sozialisten in den betroffenen Regionalparlamenten keinen einzigen Abgeordneten stellen.

In zwei Regionen, in denen Le Pen und ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen mit jeweils knapp 41 Prozent weit vorne landeten, schluckten die sozialistischen Kandidaten die bittere Pille. Masseret, scheidender Präsident der bisherigen Region Lothringen, aber denkt gar nicht ans Aufgeben. „Für mich gibt es keinen Rückzug“, bekräftigte der Politik-Veteran mit den grauen Haaren, der am liebsten Rollkragen-Pullover trägt.

Dabei machte die eigene Partei massiv Druck. „Du kannst nicht allein gegen alle Recht haben“, schrieb ihm der sozialistische Premier Manuel Valls in einer SMS. Und mahnte in den TV-Abendnachrichten vor Millionen Zuschauern: „In solchen Momenten darf man sich nicht an etwas festklammern. Man muss würdevoll sein.“

„Ich klammere mich nicht an einen Posten“, entgegnete Masseret, der 1979 erstmals ein kommunales Abgeordnetenmandat errang und 1983 in den französischen Senat einzog. „Man ist Kandidat, um gewählt zu werden - als Abgeordneter der Mehrheit oder der Opposition.“ Beistand bekam er von höchst unerwünschter Seite: FN-Kandidat Philippot, dessen Chancen auf einen Wahlsieg mit Masseret als drittem Kandidaten steigen, lobte den „Mut“ des politischen Gegners.

Die Situation ist höchst verzwickt: Masseret könnte ungewollt Königsmacher der FN in Ostfrankreich werden. Ein Regionalparlament ohne Sozialisten kann er sich aber auch nicht vorstellen. Als erfahrener Politiker und passionierter Marathonläufer hat der dreifache Familienvater und zweifache Großvater einen langen Atem - in diesen Tagen ist ihm aber die Erschöpfung anzusehen, die müden Augen hinter seinen runden Brillengläsern zeugen von kurzen Nächten.

Zumal es die Sozialisten-Führung nicht bei Appellen an den Widerspenstigen beließ. Die Parteioberen riefen alle Kandidaten auf Masserets Liste einzeln an, damit sie eine Streichung ihres Namens beantragen. Wären bis Dienstagabend mehr als die Hälfte der Aufforderung gefolgt, wäre die Liste ungültig geworden - dieser Plan B gegen Masseret aber scheiterte knapp.

Das sozialistische Siegel für seine Wahlliste entzog ihm die Partei aber. Nach den Regionalwahlen könnte der 71-Jährige sogar aus der Partei geworfen werden. „Eines kann man mir nicht nehmen - dass ich Sozialist bin“, entgegnete Masseret trotzig. „Niemand kann mir diesen Titel wegnehmen.“




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