Letztes Update am Mi, 09.12.2015 16:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Die fragwürdige Unschuld der Beate Zschäpe



München (APA/AFP) - Ihre Gesten setzt Beate Zschäpe bewusst. Immer drehte sie im NSU-Prozess bisher den Fotografen den Rücken zu, doch nun, am Morgen des 249. Verhandlungstages, zeigt sie sich gut gelaunt von vorne. Ein Symbol für die Kehrtwende in Form ihrer ersten Erklärung nach über zweieinhalb Jahren Prozessdauer soll das wohl sein - doch mit konstruiert wirkenden Angaben sorgt Zschäpe vor allem für Wut bei den Angehörigen der NSU-Opfer.

53 Seiten umfasst der Text, den Zschäpes junger Verteidiger Mathias Grasel vorträgt. Die Stellungnahme ist in der Ich-Form gehalten, am Ende der Verlesung bestätigt Zschäpe mit einem Nicken, dass es ihre eigene Erklärung ist. Diese hat einen Kernsatz: „Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt.“

Es ist fast wie bei den drei Affen - nichts gesehen und nichts gehört haben will die 40-Jährige im Vorfeld von den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und fünfzehn Überfällen, die dem NSU angelastet werden. Sie will nicht mal zum Nationalsozialistischen Untergrund gehört haben.

Gesagt haben will sie aber etwas: Immer wenn ihr die beiden anderen mutmaßlichen NSU-Mitglieder Uwe Mundlos oder Uwe Böhnhardt nach einiger Zeit einen Mord gestanden, habe sie mit „Fassungslosigkeit“ oder „Entsetzen“ reagiert, erklärt Zschäpe. Dass sie sich trotzdem nicht den Behörden gestellt hat, begründet sie außer mit der Sorge vor einer eigenen Haftstrafe mit Verlustängsten. „Ich hatte Angst davor, dass sich beide umbringen würden und ich allen voran Uwe Böhnhardt verlieren würde.“

Zschäpe mag sich gedacht haben, dass sie mit dieser Darstellung einer emotional von zwei mordenden Rechtsextremisten abhängigen, ansonsten aber unschuldigen Frau den bisherigen Eindruck von ihr im Prozess korrigiert. Doch bei den Angehörigen hat sie das Gegenteil erreicht.

„Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Meine von vornherein geringen Hoffnungen, dass mit dieser Erklärung endlich die genauen Umstände des Mordes an meinem Vater aufgeklärt werden, sind enttäuscht“, erklärt Gamze Kubasik am Rande des Prozesses. Damit gibt die Tochter des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Kubasik wieder, was auch andere Angehörige sagen. Zschäpes angeblich aufrichtige Entschuldigung nimmt Kubasik nicht an.

Während Bundesanwalt Herbert Diemer zurückhaltend sagt, dass er die Erklärung in die gesamte Beweisaufnahme einordnen will, trifft Nebenklageanwalt Yavuz Narin im Bayerischen Rundfunk eine vernichtende Bewertung: „Damit hat Frau Zschäpe ihr eigenes Urteil unterschrieben, das war einfach nur dumm“, sagt der Rechtsanwalt der Angehörigen des NSU-Mordopfers Theodoros Boulgarides.

Auch wenn am Ende das Gericht die Bewertung vornehmen wird, drängen sich doch alleine durch die Umstände der Erklärung Zweifel an deren Glaubwürdigkeit auf. So will Zschäpe nur Fragen des Gerichts und von Mitangeklagten beantworten - und auch dies nur schriftlich. Ob sie Sorgen hat, dass scharfe mündliche Fragen aller Prozessbeteiligten ihre Darstellung ins Wanken bringen?

Unverständlich erscheint auch, dass sie nicht mit dem Gerichtspsychiater reden will. Er ist derjenige, der die Darstellung als psychisch abhängige Frau prüfen könnte.

Neben dem Eindruck, dass es hier um eine Konstruktion von Zschäpes neuen Verteidigern zur Entlastung ihrer Mandantin geht, bleibt von der verlesenen Erklärung vor allem eins hängen: Das jahrelange Leben des Trios im Untergrund war von Frust geprägt. Wochenlang haben Böhnhardt, Mundlos und sie laut Zschäpe nebeneinander her gelebt, die Zeit vertrieben sie sich entweder mit exzessivem Sporttreiben oder Computerspielen.

Zschäpe sagt, sie habe phasenweise „etwa drei bis vier Flaschen“ Sekt am Tag getrunken. Bezeichnend ist, wie die 2011 nach einem gescheiterten Banküberfall mutmaßlich durch Suizid ums Leben gekommenen Böhnhardt und Mundlos laut Zschäpes Darstellung ihr eigenes Leben bewerteten - sie nannten es „verkackt“.




Kommentieren