Letztes Update am Mi, 09.12.2015 16:15

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Durchnässt und frierend“: Winter fordert im Mittelmeer seinen Tribut



Athen (APA/dpa) - Mindestens 18 Menschen sind diese Woche bei der Überfahrt von der türkischen Küste nach Griechenland im Mittelmeer ertrunken, darunter elf Kinder. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) registriert zwar einen Rückgang der Flüchtlingszahlen, doch Entwarnung gibt sie nicht: „Die Menschen wagen eine weitaus gefährlichere Reise bei Kälte und unruhiger See“, heißt es. Das bestätigen auch deutsche Helfer und Beobachter vor Ort.

„Die Zahl der Flüchtlinge ist nach wie vor erschreckend hoch und vor Ort ohne Unterstützung kaum zu bewältigen“, sagt Martin Horn. Der Europakoordinator der Stadt Sindelfingen besucht die Insel Samos bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen und ist diesmal im Auftrag seiner Kommune mit einem Transporter voller Hilfsgüter angereist. Selbst das Fahrzeug gehört dazu und wird an die Stadt Samos gespendet. Die Decken, die Horn und sein Kollege Jürgen Karl im Gepäck hatten, seien ihnen von den Flüchtlingen quasi aus den Händen gerissen worden, sagen sie. Auch die 2.000 Hygiene-Päckchen, die man im Sindelfinger Rathaus gepackt hat, haben bereits Abnehmer gefunden.

„Der Aufwand für die Versorgung der Flüchtlinge ist im Winter viel höher“, erklärt Horn. „Noch vor wenigen Wochen konnten die Menschen die Nacht unter freiem Himmel verbringen. Nun sitzen sie hier bei Wind und Wetter zum Teil völlig durchnässt und frieren.“

Der Kampf gegen die Kälte nehme viel Zeit in Anspruch und verschlinge eine Menge Material. „Die Situation ist nach wie vor dramatisch. Wenn es keine Decken mehr gibt, dann gibt es eben keine mehr.“ Und ohne die Hilfe der Einwohner von Samos und der vielen Freiwilligen von überall her wäre auch die Versorgung mit Lebensmitteln schon längst nicht mehr gewährleistet, warnt der Deutsche.

Auf Lesbos in der Ostägäis sehe es nicht viel besser aus, sagt Luise Amtsberg, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen. Sie besucht derzeit die Insel, um sich vor Ort ein Bild von der Situation zu machen. „Schlimm ist, dass die Boote nachts um zwei, drei Uhr ankommen“, sagt sie. „Plötzlich leuchtet eine Taschenlampe auf dem Meer und dann sieht man im Kegel des Lichts die Menschen auf den überfüllten Booten ums Gleichgewicht ringen.“

Während auf Lesbos noch im November auch tagsüber regelmäßig Schlauchboote ankamen, versuchten die Flüchtlinge nun nachts ihr Glück, hat Amtsberg von Hilfsorganisationen erfahren. Auch kämen sie nicht mehr wie früher im Norden der Insel an, sondern vermehrt im Süden. Die Überfahrt dauere zwar länger - drei Stunden statt bisher einer - und berge somit mehr Gefahren, doch der betreffende türkische Küstenabschnitt werde offenbar noch nicht so streng kontrolliert.

Die Arbeit der freiwilligen Helfer, der Küstenwache und der Marine gestaltet sich somit immer schwieriger, weil Schiffbrüchige nur noch schwer zu entdecken sind. Bei eisigen Temperaturen sinken zudem die Überlebenschancen im Wasser, gerade auch bei Kindern. Entsprechend rechnen die Verantwortlichen vor Ort mit weiteren Todesopfern, je schlechter und kälter das Wetter wird, so Luise Amtsberg und fügt hinzu: „Der Bürgermeister von Lesbos, Spyros Galinos, würde am liebsten reguläre Fähren einsetzen, um die Menschen herzubringen, damit vor der Küste seiner Insel keine Menschen mehr ertrinken.“

~ WEB www.iom.int ~ APA489 2015-12-09/16:12




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