Letztes Update am Do, 10.12.2015 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wahl der Lokalräte: Saudi-Arabiens Frauen erstmals an den Urnen



Riad (APA) - Rund 865 Frauen stellen sich am Samstag in dem erzkonservativen islamischen Königreich Saudi-Arabien als Kandidatinnen bei der Abstimmung über die Lokalräte zur Wahl. Es ist das erste Mal in der Geschichte des Landes, dass Frauen als Kandidatinnen oder Wählerinnen an einer Abstimmung teilnehmen. Insgesamt können die Bürger laut der Nachrichtenagentur dpa über 6140 Kandidaten abstimmen.

Der im Frühjahr verstorbene König Abdullah hatte vor vier Jahren die Teilnahme von Frauen an Wahlen per Erlass möglich gemacht. Konservative Geistliche warnen seitdem vor „moralischem Übel“. Frauen spielen im politischen Leben des sunnitischen Königreichs praktisch keine Rolle.

Allerdings hatte Abdullah vor mehr als zwei Jahren 30 Frauen in den 150-köpfigen Shura-Rat berufen, der die Regierung berät. Die Macht der zuletzt 2011 gewählten 284 Lokalräte ist begrenzt. Zwei Drittel ihrer Mitglieder werden durch Wahlen bestimmt, der Rest wird ernannt.

Es gibt kaum ein Thema, an dem sich die innere Widersprüchlichkeit des Wahhabiten-Staates Saudi-Arabien deutlicher zeigt als bei der Stellung und den Rechten der Frau in der Gesellschaft. Das machte Ende November auch ein Treffen von Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) mit engagierten Frauenaktivistinnen in der österreichischen Botschaft in Riad deutlich.

Karriere lässt sich im Golfstaat als Frau durchaus machen, Autofahren ist für sie aber immer noch tabu. Die drei temperamentvollen Damen, mit denen der ÖVP-Politiker anlässlich eines Besuchs im Golfstaat diskutierte, haben sich im Leben an sich bereits durchgesetzt.

Eine hat eine Führungsposition in der Privatwirtschaft inne und sagte: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich schlechtere Chancen in meinem Beruf habe, weil ich eine Frau bin.“ Eine andere lehrt an der Universität. Die dritte ist wegen ihres Engagement für Frauenrechte nicht nur den Behörden einschlägig bekannt. Und doch war im Gespräch mit den Journalisten im Tross des Außenministers bald klar, dass die vollen Namen eher nicht einer breiteren Öffentlichkeit verraten werden sollten.

Dabei haben alle drei schon den Mut bewiesen, Tabus zu brechen. Dass sie zumindest eine Weile im Ausland gelebt haben, ist ihren Fremdsprachenkenntnissen anzuhören. Zwei von ihnen haben es nach ihrer Rückkehr sogar gewagt, sich an das Lenkrad eines Autos zu setzen. Sie wurden dafür bestraft.

Dennoch wollten sie das Thema „Frau am Steuer“ nicht auswalzen. Das sei doch nur ein plakatives Symbol. Wobei: Die Borniertheit des Systems macht der holden Weiblichkeit schon zu schaffen. Da sei ja sogar die Jihadistenmiliz Islamischer Staat fortschrittlicher, platzte es an jenem Donnerstagabend aus einer von ihnen heraus: „Selbst der IS lässt Frauen Auto fahren.“

In der sunnitisch dominierten Golfmonarchie wird die Scharia (Sharia), das islamische Recht, teilweise noch buchstäblich ausgelegt. Das hat etwa zur Folge, dass Frauen ohne Zustimmung ihres Vaters, Bruders oder Onkels selbst fast keine Entscheidungen treffen können. Selbst die Wahl der Arbeit oder eine Auslandsreise muss erst durch ein männliches Familienmitglied genehmigt werden. Und den Pass der Ehefrau kann der Herr im Haus im Internet im Handumdrehen annullieren lassen.

Ob es sich bei diesem System der Vormundschaft nun um eine Schikane der Obrigkeit oder einfach ein aus der Gesellschaft gewachsenes Recht handelt, das in gewisser Weise auch ein Stück traditioneller familiärer Fürsorge darstellt, darüber wurden sich aber selbst die drei streitbaren Frauen bei ihrer Diskussion in der Botschaft nicht wirklich einig.

Sie hatten aber offenbar Glück. Denn ihnen wurde von ihren Vormunden Universitätsstudien gestattet. Das sei kein Einzelfall. Streng nach Geschlechtern getrennt sei es schon früher möglich gewesen, eine ausgezeichnete Hochschulbildung zu erwerben, erzählte eine von ihnen. Im Alltag wird diese rudimentäre Form der Emanzipation erst seit ein paar Jahren sichtbar. In den riesigen Shopping Malls der saudi-arabischen Hauptstadt, wo so ziemlich alles angeboten wird, was auch das westliche Herz begehrt, sind seit 2013 auch Frauen als Verkäuferinnen zugelassen.

Es kam damals zu einem regelrechten Ansturm, mehr als 500.000 Frauen drängten in die Jobs in den Boutiquen oder anderen Geschäften. Vor allem junge Menschen mit Auslandserfahrung wollen offenbar Veränderungen, wie eine der Diskutantinnen meinte: „Meine Tochter studiert in den USA. Sie würde sich auch nie völlig verschleiern.“

Ein Lokalaugenschein in einer der erwähnten Shopping-Malls zeigte aber, dass die junge Dame damit nicht unbedingt im Trend liegt. Der Niqab ist dort allgegenwärtig. Die erstandene Markenware blitzt nur hin und wieder in Form von edlen Sport- oder sonstigen Schuhen unter der Abaya auf.

Zuletzt ist die Aufbruchsstimmung auch etwas ins Stocken geraten, meinte bei der Diskussion die vielleicht Kämpferischste unter den Dreien. Nach dem Tod von König Abdullah im Jänner 2015 sei die Stimmung mit dem neuen König Salman wieder konservativer und weniger weltoffen geworden.

Das zeigt auch die Anzahl der Hinrichtungen, die heuer wieder drastisch anstieg. Und dass das Autofahrverbot für Frauen bald fallen könnte, erscheint auch eher unrealistisch. Wobei da auch ganz profane Gründe dahinter stecken. Einen öffentlichen Verkehr gibt es in Riad praktisch nicht und der Lobby der Taxifahrer kommt es nur zupass, wenn das „schwache Geschlecht“ auch weiterhin nur auf der Rückbank Platz nehmen darf...




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