Letztes Update am Do, 10.12.2015 08:18

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Boden gewissermaßen aufbereitet“: Die „Bildende“ in der NS-Zeit



Wien (APA) - An der Akademie der bildenden Künste wurden 1938 „nur“ rund 20 Prozent der Mitarbeiter ihres Dienstes enthoben und sieben Prozent der Studenten durch den Nationalsozialismus geschädigt. Grund dafür war aber vor allem, dass schon davor „der Boden gewissermaßen aufbereitet war“, heißt es in dem Band „Die Akademie der bildenden Künste Wien im Nationalsozialismus“, der heute Abend präsentiert wird.

Im Herbst 2013 beauftragte das Rektorat der Akademie die Historikerin Verena Pawlowsky damit, unter den in der Zeit des Nationalsozialismus studierenden und lehrenden Personen sowie in der Gruppe des Verwaltungspersonals und der Ehrenmitglieder Personen zu identifizieren, die durch das NS-Regime geschädigt wurden. Außerdem sollten unter den Mitarbeitern „jene namhaft gemacht werden, bei denen eine gewisse Involvierung in das NS-Regime nachzuweisen ist“. Daraus wurde eine Datenbank mit Einträgen zu insgesamt 490 Personen erstellt (http://ns-zeit.akbild.ac.at).

Das Ergebnis zeige „eine Hochschule, die in den 1930er Jahren treu dem Ständestaat diente und zugleich bereits in den damals illegalen Nationalsozialismus involviert war“, heißt es bereits im Vorwort. Wessen künstlerische bzw. politische Positionen nicht genehm waren, wurde damals erst gar nicht berufen - und musste daher 1938 auch nicht enthoben werden. So verloren nach dem „Anschluss“ auch nur neun Lehrende ihre Stellen, darunter mit dem Regisseur und Oberspielleiter der Wiener Staatsoper, Lothar Wallenstein, der einzige an der Akademie beschäftigte Jude.

Gleiches gilt für die Studenten: Hier wurden 21 von 289 Personen des Studienjahrgangs aus „rassischen“ oder anderen Gründen geschädigt - wobei eine solche Schädigung im Gegensatz zu anderen Hochschulen schwerer festzumachen war: An der Akademie gab es zwar Aufnahmsprüfungen, ein Meisterschulprinzip und die Pflicht zur Absolvierung einiger wissenschaftlicher Fächer, allerdings keinen geregelten Studienverlauf und auch keine Abschlussprüfung mit Diplom. Insofern konnten auch keine akademischen Titel aberkannt werden - wann ein Studienabbruch vorlag, war ebenfalls schwer zuordenbar.

Eine interessante Fußnote widmet sich der akademischen Karriere der Malerin Maria Lassnig (1919-2014): In Porträts war immer wieder zu lesen, dass die Künstlerin die Akademie 1943 verlassen musste, weil ihre Werke als „entartet“ eingestuft wurden. Dieser Darstellung trat sie in Interviews zumindest nicht entgegen. Aus den von Pawlowsky eingesehenen Akten ergibt sich aber, dass Lassnig bis 1944 an der Akademie studierte und in dieser Zeit dort durch mehrere Preise bzw. Stipendien gefördert wurde.

Nach dem Krieg wurden neun der 13 Professoren dienstenthoben - wobei auch von den verbleibenden vier Professoren die Hälfte NSDAP-Mitglieder waren, darunter Rektor Herbert Boeckl. Außerdem wurden fast alle Assistenten ausgetauscht sowie drei Viertel der Lehrbeauftragten und Dozenten. Damit war das letzte Wort aber noch nicht gesprochen: Nach Abschluss der Entnazifizierungen konnte immerhin rund ein Viertel der Enthobenen doch an der Akademie bleiben.

Von den 1938 entlassenen neun Lehrenden kehrten Erich Boltenstern (1945), Eugen Wachberger (1946) und Clemens Holzmeister (1950) wieder an die Akademie zurück.

(S E R V I C E - Verena Pawlowsky: „Die Akademie der bildenden Künste Wien im Nationalsozialismus“, Böhlau Verlag, 20 Euro, 124 Seiten, ISBN 978-3-205-20291-2. Präsentation heute, Donnerstag, 18.00 Uhr, in der Akademie der bildenden Künste, Schillerplatz 3, 1010 Wien)




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