Letztes Update am Do, 10.12.2015 09:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Fußball: Jean-Marc Wer? - Herr Bosman erschütterte Fußball-Europa



Wien (APA/dpa) - Als Profi war er nur Mittelmaß, doch mit seinem mutigen Schritt löste Jean-Marc Bosman eine Fußball-Revolution aus. Das nach ihm benannten „Bosman-Urteil“ durch den Europäischen Gerichtshof (EuGH) vor 20 Jahren machte zahlreiche Fußballer zu Millionären - nur der Belgier selbst hat nichts davon.

Denn als die Revolte perfekt war, begann sein Absturz. Bosman verfiel dem Alkohol, seine sozialen Kontakte rissen ab. Kaum ein Verein zeigte noch Interesse an ihm. „Es war die Hölle“, sagte er der „Welt am Sonntag“ einmal über seine Suchtprobleme in den 90er-Jahren.

Bosman wird 1964 in Montegnee geboren, einem Vorort von Lüttich. Noch heute lebt er in der Region. Das Beste, was der Fußballprofi während seiner kurzen Karriere erleben darf, sind zwei UEFA-Cup-Spiele gegen den FC Tirol und Rapid Wien. Bosman ist Mittelfeldspieler, nicht sonderlich begabt und daher auch kaum bekannt. Seine Laufbahn beginnt er beim belgischen Erstligisten Standard Lüttich, berühmt wird der heute 51-Jährige aber erst als Spieler des Stadtrivalen RFC.

Als 1990 sein Vertrag ausläuft, will der Club ihn zwar verlängern, bietet Bosman aber deutlich weniger Gehalt an. Das lehnt der mehrfache Familienvater ab und will stattdessen zum französischen Zweitligisten USL Dünkirchen wechseln. Der RFC verlangt von den Franzosen dafür eine hohe Ablösesumme von rund 600.000 Euro, die weder Dünkirchen noch ein anderer Club für den Mittelfeldspieler bezahlen möchte. Dann beginnt Bosman zu klagen.

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„Jean-Marc war in der Tat der Einzige, der den Mut hatte, es zu tun“, sagte der Generalsekretär der internationalen Spielergewerkschaft FIFPro, Theo van Seggelen, dem Internetportal „spox.com“. „Ich weiß, dass sie damals versucht haben, ihn umzustimmen und ihm eine Menge Geld geboten haben.“

Doch Bosman lehnte das ab und traf damit eine für ihn folgenschwere Entscheidung. Über fünf Jahre dauerte der Prozess, den in Fußball-Europa niemand so wirklich ernst nahm. Bis der EuGH am 15. Dezember 1995 mit seinem Urteil den Profifußball für immer verändert. Bosman hat gewonnen. Und dennoch sehr viel mehr verloren. „Nach so einem Prozess gegen eine der mächtigsten Organisationen der Welt kann ich dir garantieren, dass dein Leben zu einer Tortur wird“, sagt er.

Seit dem Gerichtsentscheid dürfen Profifußballer in der Europäischen Union das, was Bosman 1990 nicht durfte: Nach dem Auslaufen ihres Vertrags ablösefrei zu einem anderen Verein wechseln. Das ließ die Gehälter der Spieler um ein Vielfaches steigen.

Bosman hat nichts davon. Für den RCS Vise machte er in der Saison 1995/96 noch sieben Spiele und schoss ein Tor. Dann begann sein Absturz. Niemand wollte ihn mehr verpflichten. „Du wirst eine Persona non grata“, sagt er verbittert. „Sie haben mich bezahlen lassen.“




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