Letztes Update am Do, 10.12.2015 16:42

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutsche Kernfusionsanlage „Wendelstein“ erzeugte erstes Plasma



Greifswald (APA/dpa) - In der Kernfusionsforschungsanlage „Wendelstein 7-X“ in Greifswald in Deutschland ist am Donnerstag das erste Plasma erzeugt worden. Zehn Milligramm Helium wurden in ein Magnetfeld einer Vakuumkammer der 725 Tonnen schweren Anlage eingeleitet, auf eine Million Grad erhitzt und dann in den Plasmazustand gebracht.

Damit begann das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) rund zehn Jahre nach dem Beginn der Hauptmontage und nach mehreren Rückschlägen mit den ersten Tests in der Anlage, die die Verschmelzung von Atomkernen zum Zweck einer kohlenstofffreien Energieerzeugung erforschen soll. „Das ist ein toller Tag“, sagte die Wissenschaftliche Direktorin Sibylle Günter nach dem ersten Experiment.

Bejubelt wurden die ersten Experimente auch von Wissenschaftlern, die aus anderen Ländern Europas, aus Asien und Amerika nach Greifswald gereist waren oder über Videoschaltungen den Start des Experiments verfolgten. Gemeinsam zählten sie unter Leitung des technischen Leiters Stephan Bosch den Countdown herunter.

Die Versuche sind - unter anderem wegen der hohen Kosten - nicht unumstritten. In der eine Milliarde Euro teuren Anlage wollen Forscher die Fusion analog den Prozessen auf der Sonne erforschen, um sie später auf der Erde als Form der Energiegewinnung nutzbar zu machen. Dafür ist die Erzeugung eines Plasmas - eines ionisierten Gases - erforderlich, damit Atomkerne verschmelzen und dabei riesige Mengen Energie freigeben können. „Wendelstein 7-X“ ist nach Angaben des Instituts das weltweit modernste und neben einer Anlage in Japan größte Fusionsexperiment vom Typ „Stellarator“. Eine Fusion von Atomkernen ist in Greifswald nicht geplant.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Bei dem Experiment am Donnerstag wurde das stark verdünnte Plasma für 50 Millisekunden erzeugt. Ziel ist es, später im Wendelstein 7-X ein Wasserstoffplasma für eine halbe Stunde zu halten. Für die Erzeugung eines Plasmas aus dem Wasserstoffisotop Deuterium sind Temperaturen von bis zu 100 Millionen Grad erforderlich. Diese Experimente sollen frühestens Ende 2017 beginnen.

Seit mehr als 60 Jahren arbeiten Forscher daran, die Kernfusion als umweltfreundliche Energiequelle nutzbar zu machen. Auf dem Weg zu einem Kraftwerk konzentriert sich die Fusionsforschung auf zwei verschiedene Experimenttypen, einen Tokamak und den Stellarator. Mit dem Experiment „Wendelstein 7-X“ soll die Eignung der Kernfusion mit Hilfe von Stellaratoren nachgewiesen werden. „Wir denken, dass die Kernfusion für die globale Energieversorgung als Grundlastkraftwerke einen Beitrag im Mix mit erneuerbaren Energien leisten kann“, sagte Günter auch mit Blick auf den Klimagipfel in Paris.

Grüne und Umweltverbände hatten zuvor vor Sicherheitsrisiken der Technologie gewarnt und die hohen Kosten kritisiert. Sie sehen in der Kernfusion ein Hemmnis der Energiewende.

Bis zum ersten Kraftwerk - so Günters Prognosen - würden noch rund 35 Jahre vergehen. Der Betriebsstart für den Demonstrationsreaktor ITER im französischen Cadarache wird Günter zufolge für 2025 erwartet. Dann werde es mehrere Jahre dauern, um zu zeigen, dass man mehr Energie gewinnen könne als man hineinstecke. Danach könne die Planungsphase für ein Kraftwerk beginnen.

Der Aufbau der Anlage war mit einigen Rückschlägen verbunden. Als kompliziert erwies sich die präzise Produktion der 50 supraleitenden, bizarr gebogenen Magnetspulen, die auf minus 270 Grad heruntergekühlt werden müssen. Das Institut beschäftigt rund 500 Mitarbeiter. Das Projekt wurde von EU, Bund und mit acht Prozent auch vom Bundesland Mecklenburg-Vorpommern finanziert.




Kommentieren