Letztes Update am Fr, 11.12.2015 01:12

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Muslimische Filmemacherin: „Christen gehören zum Irak“



Wien (APA) - „Ich wollte im Film zeigen: Die Christen gehören zum Irak, sie sollten zurückkehren.“ Die Regisseurin Aida Schläpfer Al-Hassani, Schiitin und Tochter eines Irakers, in der Schweiz aufgewachsen, folgte den Spuren ihrer christlichen Landsleute. In ihrem Film „Noun - Christenverfolgung im Irak“ zeigt sie berührende Schicksale der von IS-Terroristen verfolgten Christen.

Bei der Vorführung des Films im Rahmen des Aktionstages für Verfolgte Christen in Wien schilderte die junge Filmemacherin am Donnerstagabend die Umstände, unter denen sie „Noun“ („N“, Nazrani, Nazarener - Ausdruck für Christen im arabischen Raum) in Flüchtlingslagern drehte. „Die Christen sind sehr friedlich. Aber sie brauchen Hilfe, dass sie bleiben können und dass die Flüchtlinge zurückkehren können. Unsere Christen lieben den Irak.“ Al-Hassani selbst hatte im Irak eine katholische Schule besucht und mit Zustimmung der Eltern auch am katholischen Religionsunterricht teilgenommen.

„Noun“ ist der siebente Film von Schläpfer Al-Hassani, die seit 20 Jahren in der Schweiz lebt. Ihr Vater entstammt einer bekannten irakischen Familie, die Mutter ist Libanesin. Vor dem Regime Saddam Husseins war die Familie aus dem Irak in den Libanon geflohen. „In meinen Filmen ging es immer um Menschenrechte.“ In einem beschäftigte sie sich mit der Revolution in Ägypten, in einem weiteren porträtierte sie arabische Flüchtlinge in München.

Für „Noun“ drehte die Regisseurin 2014/15 Szenen in den Lagern von Erbil. Sie zeigt Menschen, die vor den Terroristen des „Islamischen Staates“ (IS) aus Mosul und der Ninive-Ebene geflohen sind. Sie lässt Kinder zu Wort kommen, die traumatisiert sind vom erlittenen Verlust. Wie das kleine Mädchen Dalal: „Ich vermisse unser Zuhause, meine Freunde, meine Schule, meine Lehrer, unsere Kirchen.“ Viele christliche Binnenflüchtlinge leben dort bereits seit zweieinhalb Jahren in Zelten. Private österreichische NGOs versuchen, vor Ort zu helfen; „Kirche in Not“ errichtete Container-Schulen für Flüchtlingskinder, „Open Doors“ hilft Christen, die aus Angst vor den Muslim-Mehrheiten die großen UNO-Camps meiden.

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Beim Filmfestival in Locarno erregte der Film Aufsehen. Wegen „technischer Mängel“ wurde er abgelehnt, dann aber bei einem anderen Festival in der Schweiz sowie auf diversen arabischen Festivals in Europa gezeigt. Schläpfer Al-Hassani war über die Ablehnung in Locarno zuerst „schockiert“, wie sie sagt. Mitten in der Flüchtlingskrise sollte man die Aktualität des Inhalts bewerten und die schwierigen Drehbedingungen in Betracht ziehen. Die Regisseurin vermutet eher eine „feige Haltung“ der Schweizer Behörden. „Man will diese Informationen nicht an die Öffentlichkeit bringen.“

Umso erstaunter war die Filmemacherin über das Interesse und das Echo in den arabischen Staaten. Der Film zeige wohl, dass der IS nicht den Islam repräsentiert. Schläpfer Al-Hassani recherchierte die Geschichte der Christenverfolgung in ihrer Heimat. Nach eigenen Worten war sie selbst entsetzt über die vielen Massaker und Vertreibungen, denen Christen während des ganzen 20. Jh. ausgesetzt waren, angefangen vom Völkermord im Osmanischen Reich ab 1915.

Im Gespräch mit „Radio Vatikan“ hatte die Regisseurin kürzlich ihr Anliegen so definiert: „Ich will mit meinem Film einen weiteren drohenden Völkermord an diesen Menschen verhindern. Ich habe gesehen, dass das irgendwie immer wieder kommt. Die Christen haben null Sicherheit, keine Waffen, um sich zu schützen“. Viele hätten nur noch den Wunsch, den Irak zu verlassen. Das Ziel der Terroristen sei es auch, den Willen der Christen zu brechen und ihnen keine Zukunft zu geben. Die Christen bräuchten Rückendeckung, die Welt dürfe nicht wegschauen.

Früher hätten Sunniten, Schiiten, Kurden, Christen als Nachbarn friedlich zusammengelebt. Mit der US-Invasion, dem Bürgerkrieg und der ausufernden Gewalt des IS sei das gegenseitige Misstrauen groß geworden. Bei den Christen, die Al-Hassani interviewte, musste sie erst Vertrauen aufbauen. „Die Menschen sind verängstigt. Sie wissen nicht, wem sie trauen können.“ Von Anfang an habe sie sich als schiitische Muslimin vorgestellt. Schiiten litten ebenfalls unter dem IS-Terror. „Wir sind Leidensgenossen. Deshalb haben sie mich akzeptiert.“

Erleichtert ist die Regisseurin auch, dass sie wegen ihres Films keine Drohungen erhalten hat. Bei den Dreharbeiten im Irak habe sie aber brenzlige Situationen erlebt. Sie habe Vorsorge getroffen, dass das Filmmaterial an einem sicheren Ort war, falls ihr selbst etwas zustoßen sollte. Doch Angst habe sie nicht gehabt. „Der Tod ist Bestimmung. Ich bin ein gläubiger Mensch.“




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