Letztes Update am Fr, 11.12.2015 13:24

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Neuer Bundestheater-Holding Chef 2: „Habe auch schon Leute entlassen“



Wien (APA) - APA: Was war das Wichtigste, von dem Sie aus Ihrer Tätigkeit als Chorsänger profitiert haben?

Kircher: Bei den künstlerischen Erlebnissen steht ganz sicher die Zusammenarbeit mit Nikolaus Harnoncourt, die mich unglaublich geprägt und bereichert hat, an erster Stelle. Es ist eine große Freude und stimmt mich gleichzeitig traurig, dass ich heuer bei den Salzburger Festspielen beim letzten Konzert, das er dirigiert hat, mitgesungen habe, bei der „Missa solemnis“. Neben dem Künstlerischen hat das Musizieren in einem Ensemble auch eine soziale Funktion - das Gesamtergebnis ist die Summe von vielen Einzelteilen. Das ist für mich eine allgemeine Metapher, die ich auch für meine Führungsaufgaben mitgenommen habe: Im Team geht es darum, dass die Gesamtleistung die beste ist.

APA: Werden Sie künftig weiter im Schoenberg Chor singen können?

Kircher: Das glaube ich nicht. Ich habe das große Glück, dass ich schon 30 Jahre dabei bin und habe mir auch schon zuletzt jedes Jahr nur ein, zwei Projekte ausgesucht, bei denen ich mitgemacht habe. Das war ein Privileg.

APA: Nun werden Sie vom Chorsänger zum Dirigenten mit sehr sensiblen, auch eigenwilligen Solisten. Wie war Ihre erste Erfahrung mit den Bundestheater-Direktoren?

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Kircher: Ich habe mir gestern vorgenommen, alle Direktoren zu kontaktieren - bei den meisten ist es mir mit einem persönlichen Gespräch gelungen, andere waren im Ausland, und wir haben uns kurze Nachrichten geschickt. Ich gehe grundsätzlich sehr gerne auf Menschen zu, und es war wirklich eine sehr freundliche Stimmung gestern.

APA: In den vergangenen Jahren war die Diskussion um die Holding von zwei Themen geprägt: Neues Geld und bessere Kontrolle. Beim Geld haben Sie jetzt für zwei, drei Jahre eine Atempause - aber die Dynamik ist nicht aus der Welt geschafft, weil die automatische Valorisierung nicht ins Gesetz geschrieben wurde. Die Kosten-Schere wird sich also bald wieder auftun. Wie werden Sie damit umgehen?

Kircher: Genauso schwer wie im Wien Museum, wo wir die vergangenen neun Jahre auch keine Valorisierung hatten. Das ist ein unglaublich schwieriger Spagat im Bemühen, Einsparungsmöglichkeiten zu finden, und gebetsmühlenartig darauf hinzuweisen, dass eine Anpassung der Abgeltung notwendig ist. Es geht darum, aus der kurzfristigen in eine mittel- und langfristige Planung zu kommen. Mit den neuen Dreijahresvereinbarungen scheint mir das auch möglich. Aber ich sehe das als dringende Aufgabe, bereits jetzt darüber nachzudenken, wie es 2018, 2019 und 2020 weitergeht. Das ist teilweise Lobbying und eine Werbearbeit bei den Entscheidungsträgern - aber eben Teil der Aufgabenstellung des Holding-Geschäftsführers.

APA: Genaue Kontrolle der Töchter, hieß es immer wieder, ist weder die Aufgabe der Holding, noch kann sie mit dem Personalstand der Holding geleistet werden. Daran hat sich bei der Novellierung nichts geändert. Jetzt wird sie „strategische Management-Holding“ genannt.

Kircher: Vollkommen richtig, man hat sich nicht für eine operative Holding entschieden, aber da gibt es wohl Interpretationsspielraum. Auch richtig ist, dass die personelle Ausstattung der Holding nicht so ist, dass man jeden Buchungssatz überprüfen kann. Das wird sicher Gegenstand von großen Diskussionen werden, wieweit die Holding Controlling-Aufgaben in den einzelnen Gesellschaften wahrnimmt. Aber grundsätzlich habe ich großes Vorschussvertrauen in die handelnden Personen. Ich habe in meiner Karriere aber auch schon Leute entlassen, die mein Vertrauen missbraucht haben.

APA: Es gibt etliche Institutionen, die derzeit in den Angelegenheiten der Bundestheater zusätzlich tätig sind - vom Rechnungshof über die Staatsanwaltschaft bis zu den Gerichten. Fürchten Sie, dass Sie da noch etwas überraschen kann?

Kircher: Ich muss mich ja nicht persönlich fürchten vor dem Ergebnis, weil ich es nicht zu verantworten habe. Was ich wirklich fürchte, ist, dass alle Negativ-Berichte - sollte noch etwas Unbekanntes ans Tageslicht kommen - ein Schaden für die Branche sind. Wir müssen rechtfertigen, dass der Staat viel Geld ausgibt für Kunst und Kultur. Wenn es den Imageschaden gibt, wird diese Rechtfertigung schwieriger. Ich fürchte mich also nicht vor Transparenz, aber ich fürchte, dass das Vertrauen in Kultureinrichtungen weiter zerstört werden könnte.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(A V I S O - Die APA hat gestern unter 0292 ein Porträt von Kircher gesendet.)




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