Letztes Update am Sa, 12.12.2015 10:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bunt, spannend, kleinkariert: „Kalle Blomquist“ im Theater der Jugend



Wien (APA) - Schatten huschen über die vor der Bühne gespannte Leinwand, ein Tresor wird ausgeraubt, ein Bub schaut heimlich zu. Als sich der Vorhang hebt, hockt er unter einem Birnenbaum und erträumt sich ein Leben als Detektiv. Im Theater der Jugend (TdJ), wo „Kalle Blomquist lebt gefährlich“ am Freitag Premiere feierte, wird dieser Traum wahr, als in dem Dorf tatsächlich ein Mord geschieht...

Auch wenn die Kindheit, wie sie Astrid Lindgren in ihren Büchern rund um den jungen Detektiv vor bald 70 Jahren beschrieb, mittlerweile überholt ist, haben die Geschichten in ihrem Kern nichts von ihrer Relevanz verloren. Kinder, die ihre Stärken tatsächlich ausleben können, bleiben auch heute noch Vorbild. Und so setzt Gerald Maria Bauer in der deutschsprachigen Erstaufführung seiner Theaterfassung im TdJ gleich ganz auf Tradition statt Zeitgenossenschaft. Seine Figuren kommen optisch wie sprachlich aus den 1950er Jahren, der junge Detektiv Kalle trägt eine karierte Schirmkappe, der erwachsene Kommissar Hut und Trenchcoat. Als weibliches Rolemodel fungiert Kalles Freundin Eva-Lotta, die sich lieber wie ein Bursch kleidet und mit ihren Freunden in den Sommerferien einen „Krieg“ um das Maskottchen Großmummrich anzettelt. Als sie jedoch Zeugin eines echten Mordes wird, wendet sich das Blatt und aus dem heiter geführten Spiel wird gefährlicher Ernst.

Die Erwachsenen in diesem Stück sind wie so oft bei Lindgren nicht mehr als Stichwortgeber. Am Ende sind es die Kinder, die Situationen richtig einschätzen und dank ihrer mit Fantasie gepaarten Furchtlosigkeit die Oberhand gewinnen. Sam Madwar hat dem Ensemble hierfür ein realistisch anmutendes Dorf samt Hauptplatz und abgelegenem Bauernschuppen gebaut. Mithilfe der Drehbühne und schnell herbei geschobenen Kulissen verändern sich die Schauplätze in Windeseile, ein Baum ist ein echter Baum und das Gewitter lässt so manchen jungen Zuseher auf seinem Platz schaudern.

Florian Appelius als Kalle wirkt mit seiner großen Lupe und seinen runden Brillen wie ein von der Gemeinschaft ausgeschlossener Musterschüler, seine Freunde (Tanja Raunig als Eva-Lotta und Michael Zwiauer als Anders) sehen ihn dennoch als ihren Anführer. Gemeinsam kämpfen sie unter dem Pseudonym „Weiße Rose“ gegen ihre Rivalen, die „Roten Rosen“ (Bernhard Georg Rusch und Markus Freistätter). Die beiden kommen schon eher wie geschleckte Schnösel daher, die erst im Laufe der Geschichte den Sonderling Kalle als wahren Helden anzuerkennen lernen müssen. Die Erwachsenen zeichnet Regisseur Bauer stereotyp: Wolfgang Rupert Muhr stolziert als gutmütiger Wachtmeister Björk mit erhobenem Zeigefinger über die Bühne, Horst Eder gibt den Kindern wenig Aufmerksamkeit schenkenden Kommissar (und das kurz auftauchende Mordopfer).

Das alles ist recht nett, bunt und dynamisch, im jungen Publikum wird auch immer wieder gelacht. Ein Versuch, eine Brücke zur heutigen Lebenswelt der Kinder zu schlagen, wird hier allerdings nicht unternommen. Dass dies mit Klassikern durchaus möglich ist, ohne das Original zu zerstören, war jüngst etwa im Burgtheater-Kasino in Erich Kästners „Pünktchen und Anton“ zu sehen. Ein wenig Abstraktion kann auch den Jüngsten (beide Stücke sind ab dem Volksschulalter empfohlen) zugemutet werden. Eine Schirmkappe muss nicht immer kleinkariert sein.

(S E R V I C E - „Kalle Blomquist lebt gefährlich“ von Astrid Lindgren in einer Fassung von Gerald Maria Bauer (auch Regie). Bühne: Sam Madwar, Kostüme: Susanne Özpinar, Licht: Christian Holemy. Mit u.a Florian Appelius, Tanja Raunig und Horst Eder. Weitere Termine: 12., 14. bis 19. und 21. Dezember, 7. bis 10., 12. bis 16., 18., 20. und 23. Jänner (unterschiedliche Beginnzeiten). Infos und Karten unter www.tdj.at)

(B I L D A V I S O - Pressefotos stehen unter www.tdj.at/tdjpresse zum Download bereit.)




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