Letztes Update am Sa, 12.12.2015 13:48

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


In Burundi regiert die Angst - Besuch in der Hölle von Bujumbura



Bujumbura (APA/dpa) - Helmenegilde Mwamarariza traut sich kaum noch auf die Straße. Seit sein 15-jähriger Sohn bei einer Protestaktion gegen die Regierung Burundis getötet wurde, hat er panische Angst, dass auch er zum Schweigen gebracht werden soll.

„Ich befürchte, dass sie mich umbringen wollen, damit ich nicht gegen den Polizisten aussagen kann, der meinem Sohn in den Kopf geschossen hat“, sagt der 58-Jährige. Während er in seinem Wohnzimmer im Viertel Cibitoke der Hauptstadt Bujumbura seine Geschichte erzählt, sind ganz in der Nähe Schüsse und Explosionen zu hören.

Die kriegsartigen Geräusche kommen aus dem Nachbarviertel Mutakura, das abgeriegelt worden sein soll, wie sich die Leute in Cibitoke erzählen. „Sie machen Jagd auf die Jugendlichen“, heißt es. Aber auch in anderen Teilen Bujumburas sind die von Lehmhäusern mit Wellblechdächern gesäumten Straßen so gut wie leer.

Kurz nach dem Gespräch mit Mwamarariza werden in der Nähe die von Kugeln durchsiebten Leichen von fünf jungen Männern entdeckt. Sie sollen von Sicherheitskräften getötet worden sein, angeblich, weil sie Attacken geplant hätten.

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Zwei Tage später, am Freitag, sollen bewaffnete Männer Militärstellungen in mehreren Stadtteilen angegriffen haben, den ganzen Tag über ist Geschützfeuer zu hören.

Journalisten haben sich in ihren Hotels verschanzt. Fotografen, die das Grauen dokumentieren und der Welt zeigen wollen, welche unsägliche Gewalt sich gerade in dem kleinen ostafrikanischen Staat mit zehn Millionen Einwohnern abspielt, müssen mit ihrer Festnahme rechnen.

Erst vor einem Jahrzehnt ging in Burundi ein entsetzlicher Bürgerkrieg mit 300.000 Toten zu Ende. Lange sollte der Frieden nicht währen. Für die Menschen in der ehemaligen belgischen Kolonie ist heute der Horror real, Tag für Tag. Der UNO-Sicherheitsrat reagierte am Freitagabend und teilte mit, die Mitglieder seien „zutiefst besorgt“ über die Entwicklungen. Die Schuldigen müssten endlich zur Verantwortung gezogen werden - notfalls müssten weitere Schritte eingeleitet werden. Aber wer sind die Schuldigen?

Ein Rückblick: Im April kündigt Präsident Pierre Nkurunziza an, bei der anstehenden Wahl für eine dritte Amtszeit kandidieren zu wollen, obwohl dies in der Verfassung nicht vorgesehen ist. Viele Menschen reagieren wütend, es kommt zu ersten gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei. Nkurunziza gibt sich unbeeindruckt vom Blut in den Straßen. Im Juli wird er im Amt bestätigt - die Opposition boykottierte die Wahl.

Viele wollen Nkurunzizas Gebaren nicht hinnehmen, es bilden sich bewaffnete Gruppen, die versuchen, den Präsidenten zu stürzen. Immer wieder kommt es zu Blutbädern. Die Polizei reagiert ohne Erbarmen, sie schießt und lässt sogar manchmal Leichen verschwinden.

„Unser einziger Trost ist, dass wir ihn begraben konnten“, sagt ein Angehöriger von Remy Nkengurutse. Demnach wurde der 29-jährige Aktivist in der vergangenen Woche von der Polizei niedergeschossen, als er gerade aus einem Bus stieg. „Andere Leute verschwinden einfach spurlos.“

Mittlerweile bekommen viele Bürger in Cibitoke und Mutakura schon Angst, wenn jemand nur das Wort „Polizei“ ausspricht. Die beiden Arbeiterviertel gelten als Hochburgen der Opposition, sind voll von aufgebrachten Jugendlichen. Zusammenstöße mit der Polizei - und deren mutmaßlichen Verbündeten, der Jugendorganisation „Imbonerakure“ der Regierungspartei CNDD-FDD - gehören zum Alltag.

Beim Besuch in Mutakura wurde eine dpa-Reporterin von einem Mitglied einer der bewaffneten Oppositionsgruppen harsch angefahren: „Wer bist du? Bist du eine Spionin für den Geheimdienst?“ Einschüchterung ist in diesem Konflikt ein oft verwendetes Mittel zum Zweck.

Aber es gibt noch schwerwiegendere Vorwürfe, vor allem gegen die Polizei. Sie reichen von Plünderungen bis hin zu Vergewaltigungen. „Ich werde der Polizei nie wieder vertrauen“, sagt eine 15-Jährige, die nach eigenen Worten von einem Beamten in ihrem Haus vergewaltigt wurde.

Doch Gewalt gibt es auf beiden Seiten. Auch Polizisten und Imbonerakure-Mitglieder werden ständig bedroht, eine 24-jährige Kollegin sei erst kürzlich vergewaltigt, brutal verstümmelt und ermordet worden, sagt Imbonerakure-Chef Dennis Karera.

Der trauernde Vater Helmenegilde Mwamarariza wischt sich derweil die Tränen aus den Augen. Auf einem Beistelltisch steht das Foto seines Sohnes Jean Nepo. Da lacht er, schaut fröhlich aus.

Am 26. April 2015 wurde der Junge von einem Polizisten mit einer Waffe bedroht. Jean Nepo sei in die Knie gegangen, habe um sein Leben gefleht, erzählten Augenzeugen später. Aber der Polizist habe einfach abgedrückt. Der Schüler war das erste Opfer der neuen Gewaltwelle. Mittlerweile sind ihm Hunderte in den Tod gefolgt.




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