Letztes Update am Mi, 23.12.2015 09:09

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Lars Eidinger 2: Zwischen mir und Kristen Stewart „liegen Welten“



Wien (APA) - APA: Wie gehen Sie schauspielerisch an die Szenen heran, in denen es Max körperlich zunehmend schlechter geht und er erschöpft und blass zusammenbricht, auch hinterm Steuer?

Lars Eidinger: Man kann natürlich Glycerin für die Schweißperlen nehmen oder einen Tränenstift, wenn man weinen muss. Meine Auffassung des Berufs ist aber eine andere, ich bin da sehr lustorientiert. In dem Fall habe ich mir einen Heimtrainer ans Set stellen lassen und bin immer vorher Fahrrad gefahren, damit ich dann schwitze. Ich geniere mich ein bisschen, wenn ich das fake und bilde mir ein, man sieht es dann doch irgendwie, wenn einer da liegt und eine Schweißperle aus der Pore kommt. Ich hatte das große Glück, nach „Clouds of Sils Maria“ noch einen Film mit Olivier Assayas zu drehen („Personal Shopper“, Anm.) und dabei einen ganzen Tag eine Szene mit Kristen Stewart zu spielen. Vom Niveau her liegen Welten zwischen ihrem Spiel und jenem von Kollegen oder mir, das muss ich ganz uneitel zugeben. Da machen sich einige was vor, wenn sie denken, sie wären auch nur annähernd auf Hollywoodniveau. Was Kristen Stewart ausmacht, ist, dass es eben nicht so ist, wie viele Leute behaupten: Dass Schauspielerei Behaupten und Lügen bedeutet. Es geht darum, zu sich selbst und zum Publikum und zum Partner in jeder Sekunde aufrichtig zu sein. Das beherrscht sie einfach. Man guckt sie an und hat das Gefühl, es stimmt für sie in dem Moment wirklich. Sie forciert das nicht, sie reproduziert nichts, was sie sich vorher ausgedacht hat. Sie spielt es immer anders und immer im Moment. So würde ich das auch gerne spielen können. Und dafür gehört für mich, echt zu schwitzen und echt zu weinen.

APA: Dabei haftet ihr bis heute der abschätzige „Twilight“-Stempel an.

Eidinger: Es gibt ja auch genug Menschen, die behaupten, Tom Cruise könnte nicht schauspielern! Ich erlebe immer wieder, dass ich Sachen im Fernsehen mache, die größter Schrott sind und wo ich mir wünschte, keiner hätte es gesehen. Und dann steht in der Zeitung: „Große Schauspielkunst!“ Und andere Sachen wie dieser Film, wo ich wirklich der Meinung bin, ich mache es richtig gut und der Film ist gut, erhalten mitunter absolute Verrisse. Das ist ein bisschen verkehrte Welt. Man ist immer froh, wenn sich das mit dem eigenen Empfinden deckt. Es ist ja auch ein Phänomen: Wenn man relativ authentisch und direkt und real spielt, denken die Leute, es ist überhaupt kein Problem. Dabei ist die Anforderung viel höher, als wenn man einen Spastiker spielt. Die schwierigste Sache, die es gibt, ist, „Ich liebe dich“ so zu sagen, dass man es glaubt. Das ist ja schon im echten Leben schwer, das muss man erst mal vor der Kamera schaffen.

APA: Es ist also schwieriger, einen Durchschnittskerl wie Max zu spielen als einen Psychopathen wie zuletzt im „Tatort“?

Eidinger: Absolut. Aber beides macht mir gleich viel Spaß. Ich bin total froh, dass ich so ein Spektrum an Angeboten habe. Es wäre nichts schlimmer für mich, als immer so Figuren wie Max oder Chris aus „Alle anderen“ zu spielen. Ich bin froh, dass ich da ins Extreme gehen und einen Psycho-Postboten im „Tatort“ spielen kann. Letztendlich muss man schon auch ehrlich sein, dass das Maß an Auseinandersetzung und Tiefgang natürlich bei so einem Film wie „Familienfest“ ein ganz anderes ist. Für mich funktioniert ein Film wie Tatort über eine gewisse Form von Oberflächlichkeit, und das meine ich nicht wertend. Ich stehe auch oft in der Videothek und nehme mir dann den letzten Blockbuster mit, einfach weil ich gerade keinen Bock habe, einen Haneke-Film anzugucken, auch wenn ich weiß, dass der mich viel länger beschäftigen würde.

APA: Sie haben sich in den vergangenen Jahren skeptisch gegenüber Filmen geäußert, die versuchen, den Nationalsozialismus und seine Gräuel darzustellen oder Hitler zu parodieren. Was hat für Sie nun den Ausschlag gegeben, für die BBC-Miniserie „SS-GB“ als Nazi vor der Kamera stehen?

Eidinger: Der große Vorteil dieser Serie ist: Es ist eine fiktive Geschichte. Es geht darum, dass die Deutschen den Krieg gewonnen und Großbritannien eingenommen haben. Ich finde es problematisch, wenn man so tut, als würde man deutsche Geschichte wahrheitsgemäß wiedererzählen. Es ist eine Form von Banalisierung, wenn man das Gefühl hat, man kennt jetzt Adolf Hitler, weil man ihn in „Der Untergang“ gesehen hat. Die Leute können das nicht abstrahieren, da muss man ganz vorsichtig sein. Die Zitate, die in der Presse kursiert sind, habe ich in Verbindung mit Chris Kraus‘ Film „Die Blumen von gestern“ gesagt, in dem ich einen Holocaustforscher spiele. Da meinte ich, dass es gefährlich ist, Hitler zu einer Witzfigur zu stilisieren, weil er dadurch seine Gefahr verliert. Man sagt immer, Humor sei eine gute Form, um Sachen zu verarbeiten, aber ich finde, dieses Thema darf man nicht verarbeiten, es muss wie eine offene klaffende Wunde mahnend wirken. So ein Film wie „Er ist wieder da“ ist die unterste und schlimmste und inadäquateste Form, sich diesem Thema zu stellen. Ich habe Sachen in Zusammenhang mit „Die Blumen von gestern“ gelesen, die so monströs und so unvorstellbar sind, dass man darüber einfach nicht lachen kann. Ich habe immer das Gefühl, es ist den Leuten nicht bewusst, was da passiert ist. Das ist ein Grauen, das nicht in Worte zu fassen und nicht zu verarbeiten ist. Und dann diesen Führer dieses ganzen Albtraums zu nehmen und zu einer Karikatur zu machen, da bin ich extrem allergisch.

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA)




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