Letztes Update am Mi, 13.01.2016 07:45

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Clemens Hellsberg: „In manchen Momenten habe ich absolut Wehmut“



Wien (APA) - Eine Institution geht in Pension: 17 Jahre lang war Clemens Hellsberg Vorstand der Wiener Philharmoniker, seit 35 Jahren ist er Violinist des Spitzenorchesters. Mit 1. Februar verabschiedet sich der agile 63-Jährige nun in die Pension. Anlass genug, um mit ihm über künftige Pläne, vergangene Höhepunkte und seine Empfehlung für den Arbeitsweg von Regierungsmitgliedern zu sprechen.

APA: Ihr Abschied von den Philharmonikern rückt näher. Dominiert da eher die Wehmut oder die Vorfreude auf eine ruhigere Zeit?

Clemens Hellsberg: In manchen Momenten habe ich absolut Wehmut, wenn ich etwa das letzte Mal „Rosenkavalier“, „Fidelio“, „Zauberflöte“ oder den „Ring“ spiele. Auf der anderen Seite war für mich immer klar, dass ich nach meiner aktiven Zeit im Orchester auch nicht mehr gelegentlich aushelfe. Wenn ich einmal in Pension gehe, war es das. Es gibt eine Ausnahme: Das Sonderkonzert zum 80. Geburtstag von Zubin Mehta am 29. April. Dafür komme ich noch einmal zurück.

APA: Aber ziehen Sie sich tatsächlich auf das „Altenteil“ zurück, oder wird man Sie zumindest im Kammermusikbereich hören?

Hellsberg: Ich bin bisher schon manchmal mit meinen Söhnen und engen Freunden unter dem Namen Ensemble Hellsberg aufgetreten. Ich hoffe, da wird es auch in Zukunft einiges geben. Ich konnte das bisher nie wirklich forcieren, weil die Vorbereitungszeit nicht vorhanden war. Deshalb gibt es jetzt eine ziemliche Liste an Kammermusikwerken, die ich bisher noch nie öffentlich gespielt habe, die mich aber reizen.

APA: Sie sind mit 17 Jahren der längstgediente Vorstand der Wiener Philharmoniker. Was bleibt aus Ihrer Ära?

Hellsberg: Was hoffentlich bleiben wird, ist das Sommernachtskonzert in Schönbrunn. Das war immer mein Lieblingsbaby, weil es kulturpolitisch wichtig ist, dass man einmal im Jahr ein Konzert für alle anbietet, auch wenn es für uns in vieler Hinsicht sehr aufwendig ist. Ein anderer Punkt ist das Engagement der Philharmoniker im Benefizbereich. Das war zwar seit Ende des Zweiten Weltkriegs immer gegeben, war aber nie konsequent installiert. Da freue ich mich, dass nun eine gewisse Systematik Einzug hält.

APA: Ein weiterer Aspekt ist die Aufarbeitung des Themenkomplexes der Philharmoniker in der NS-Zeit, wobei hier vor kurzem eine neue Studie veröffentlicht wurde. Ist dieses Kapitel in Ihren Augen damit erschöpfend behandelt?

Hellsberg: Man muss sich auch den Schattenseiten stellen. Und das ist nach wie vor gegeben. Die erste Publikation habe ich 1988 zu 50 Jahre „Anschluss“ veröffentlicht und mich 1992 auch in meinem Buch „Demokratie der Könige“ damit beschäftigt. Damals war ich sicher auf der Höhe der Zeit, die Forschung geht aber immer weiter und es gab gerade in den letzten Monaten profunde neue Erkenntnisse.

APA: Sie haben damals viel angestoßen und waren dann als Vorstand von mancher Seite zugleich mit der Kritik konfrontiert, nicht genügend Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Hat Sie das verletzt?

Hellsberg: Das hat mich weder damals verletzt, noch heute. Es war Kritik, die an den Fakten vorbeiging. Wenn ich mir ansehe, wie viele Kunstinstitutionen deutlich später als wir ihre Vergangenheit aufgearbeitet haben... Natürlich hätte es auch bei uns früher sein können, aber man darf nicht vergessen, dass man heute vieles als gegeben annimmt, was Anfang der 1990er-Jahre noch keineswegs Standard war.

Als ich bei uns den Vorschlag gemacht habe „Demokratie der Könige“ zu schreiben, waren meine Bedingungen, dass niemand vorher etwas zu lesen bekommt, um jede Beeinflussung zu vermeiden und dass ich über 150 Jahre Wiener Philharmoniker schreibe, nicht über 143. Damals waren zwar keine einstigen NS-Parteimitglieder mehr im Orchester aktiv, gelebt haben aber natürlich noch etliche. Man muss wissen, dass die Philharmoniker in der NS-Zeit fast 50 Prozent Parteimitglieder hatten! Der Anteil war also exorbitant. Meine Bedingungen wurden von den Kollegen aber anstandslos akzeptiert.

APA: Sie haben auch als Vorstand stets im Orchester gespielt - dort allerdings nicht als Konzertmeister. In anderen „Unternehmen“ wäre es undenkbar, dass sich der Chef zugleich als einfaches Teammitglied unterordnet...

Hellsberg: Wenn ich mir gesellschaftspolitisch etwas wünschen würde, dann wäre das, dass jeder Bankdirektor einmal in der Woche am Schalter stehen muss, und jedes Regierungsmitglied sollte einmal in der Woche mit den Öffis zur Arbeit fahren müssen - um mit den wirklichen Problemen der Menschen konfrontiert zu werden. Genau das praktizieren die Philharmoniker mit ihrem Prinzip der Selbstverwaltung. Ich halte das für enorm wichtig. Man darf auch in einer leitenden Funktion den Bezug zur eigenen Basis nicht vergessen, ebenso wie man nie vergessen sollte, woher man kommt. Meine beiden Großväter waren Bäcker und Müller. Und die waren stolz auf ihr Handwerk. Und ich bin stolz auf sie. Es hat mir imponiert, wie man sein Handwerk mit Verantwortung betreibt.

APA: Zugleich kommt man in der Position als Vorstand ja nicht um gewisse Strategie- und Machtspiele herum. Wie ging es Ihnen mit diesem Aspekt einer Führungsposition?

Hellsberg: Ich hatte immer zwei Prinzipien: Ich habe Verhandlungspartner nie belogen. Ich habe vielleicht nicht immer alles gesagt, was ich weiß (lacht). Und ich habe nie versucht, einem Gegenüber das Weiße aus den Augen zu nehmen, sondern ihn als Partner zu sehen. Gut verhandeln bedeutet, dass beide von einem Ergebnis profitieren. Die „Symbiose“ der Philharmoniker mit den Salzburger Festspielen, der Staatsoper und dem Musikverein kann nicht nur technisch funktionieren, sondern muss auch emotional unterfüttert sein. Und ich habe mich bei aller Strategie immer bemüht, die Kunst an die Spitze zu stellen.

APA: War für Sie 2014 ein erneutes Antreten als Vorstand ein Thema?

Hellsberg: Ich bin sechs Mal gewählt worden. Und dieses Vertrauen hat eine derart moralische Kraft, dass man sich verpflichtet fühlt, nicht danach zu fragen, ob die Belastung da und dort wehtut. Aber der Zeithorizont ist jetzt ein anderer. Die Familie bezahlt einen hohen Preis. Wir haben zwei Enkelkinder und ich wollte bei ihnen beiden nicht die Zeit versäumen, die ich bei unseren Kindern teilweise versäumt habe.

APA: Sie haben damals von großen Projekten gesprochen, die in den kommenden Jahren die Arbeit des Vorstands dominieren werden. Welche wären das?

Hellsberg: Das ist das Jahr 2018, also 100 Jahre Ende Erster Weltkrieg. Dann 2020 mit den Feierlichkeiten zu 100 Jahre Salzburger Festspiele. Das dritte wäre der 90. Geburtstag von Lorin Maazel 2020 gewesen. Als er dann im Juli 2014 starb, war für mich klar, dass meine Entscheidung zu gehen, richtig war. Da ist etwas zu Ende gegangen, nicht nur für die Musikwelt, sondern auch für mich persönlich - ich vermisse ihn, so wie ich jetzt auch Pierre Boulez schmerzlich vermisse.

APA: Sie haben in den vergangenen Monaten Ihre alte Stellung nie vermisst?

Hellsberg: Natürlich gibt es im Umfeld schon den einen oder anderen, bei dem man gemerkt hat, dass ich nun nicht mehr interessant bin. Aber das ist eine verschwindende Minderheit. Die Beziehungen zu Dirigenten und Solisten waren für mich immer bewegend und sind es nach wie vor. Man darf bei den gefeierten Stars nie vergessen, dass da viele auch einsam sind abends allein im Hotel. Da tut es gut, mal für drei Stunden ein normales Familienleben mitzubekommen, weshalb meine Frau und ich oftmals Gäste daheim hatten.

APA: Dennoch haben Sie ja nun ab Februar für Ihre Verhältnisse ungewöhnlich viel Zeit. Wäre ein anderer Leitungsposten im Kulturbereich denkbar?

Hellsberg: Es gibt viele Interessen, denen ich mich erst jetzt wieder widmen kann. Sich da wieder fix zu binden, ist eigentlich nicht mein Ziel. Ich bin mir bewusst, dass ich in meinem Berufsleben sehr viel Glück gehabt habe, und ich kann nur jedem Orchestermusiker wünschen, dass er nach 40 Jahren immer noch solch eine Freude an der Musik hat wie ich. Und mir ist bewusst, dass wir in Europa noch nie eine so lange Friedensperiode hatten. Ich hätte gerne, dass auch meine Enkel am Ende ihres Lebens sagen können, dass sie in Frieden leben konnten. Wenn ich dazu etwas beitragen kann, gerne. Reden kann man über alles.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

(B I L D A V I S O - Bilder von Clemens Hellsberg wurden etwa am 9. April 2014 und am 10. März 2013 über den AOM verbreitet und sind dort abrufbar.)




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