Letztes Update am Mo, 08.02.2016 08:08

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Monothematisches „Muttergehäuse“: Das neue Buch von Gertraud Klemm



Wien (APA) - Ein unerfüllter Kinderwunsch kann alles andere verdrängen und quälend zur Dominante eines Lebens werden. Monothematisch ist auch das neue Buch der Wiener Autorin Gertraud Klemm geworden: „Muttergehäuse“ erzählt von vergeblichen Versuchen, schwanger zu werden, und von den Hürden, die vor einer Adoption zu überwinden sind. Der Roman wird heute ausgeliefert und am 18. Februar in Wien präsentiert.

Das Thema meint man aus unzähligen Selbsterfahrungsberichten zu kennen, die Illustrierte wie Sachbücher füllen. Doch Klemms Ich-Erzählerin vermisst ein Buch, das sich nüchtern, unideologisch und unkitschig, mit den Nöten und Erfahrungen von Möchtegern-Eltern auseinandersetzt. Ihr Roman sei eine Erweiterung und Umarbeitung einer 2010 erschienenen Mischung aus „fragmentarischer Prosa und dokumentarischem Essay“ und solle „jenes Buch über alternative Elternschaft“ sein, „das ich während der Zeit unserer Familiengenese so gerne gelesen hätte“, schreibt Klemm im Nachwort.

Tatsächlich setzt sich das Buch mit vielen Aspekten auseinander, die das Leben der Betroffenen beeinflussen und belasten - von der Partnerbeziehung, die plötzlich von der Suche nach einem „Schuldigen“ für das Nichtzustandekommen von Zeugung und Empfängnis überschattet wird, über die sich wandelnden Beziehungen zu Freunden und Verwandten bis hin zu den demütigenden bürokratischen Spießrutenläufen, die vor der Adoption eines afrikanischen Kindes zu absolvieren sind. Und natürlich steht man auch immer wieder vor sich selbst auf dem Prüfstand. Ist es das alles wert? Ist die Verbissenheit, eine Familie gründen zu wollen, nicht doch eher Einengung statt Erweiterung der eigenen Möglichkeiten? Darf man sich dann auch jene gelegentlichen negativen Gefühle erlauben, die „normalen“ Eltern von Medizin und Gesellschaft zugestanden werden?

In ihrem Roman „Aberland“, der im Vorjahr für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde, hatte Gertraud Klemm zwei unspektakuläre Frauenbiografien miteinander verschnitten und literarisch veredelt. Über originelle Formulierungen und unkonventionelle Bilder wurde Raum für Ein- und Aussichten geschaffen. Ähnlich funktioniert „Muttergehäuse“. Der grob in die Kapitel „Mutter“, „Papier“ und „Kind“ unterteilte Text wird immer wieder durch kurze Beschreibungen von Träumen unterbrochen, die klar machen, wie stark sich das Unterbewusstsein mit dem Kinderwunsch beschäftigt.

Kinderwunschkliniken und Fortpflanzungsmedizin kommen gar nicht gut weg, kulminierend in einer hochkomischen Szene, in der sich der Mann der Erzählerin am Klo eines benachbarten Kaffeehauses seine Samenspende abringen muss, weil es beim Urologen keinen „Abnahmeraum“ gibt. Testergebnis: unklar. „Der Urologe erklärt uns, wann wir uns wie lieben sollen und wann nicht. Wir schreiben mit.“

Die Liebe, das wird rasch klar, ist unter solchen Umständen großen Belastungsproben ausgesetzt. Aber auch mit sich selbst lässt es sich nicht immer leicht aushalten, Klemm verklärt da nichts. Ist das Adoptivkind endlich im Haus (und der Wunsch nach einem zweiten bei den zuständigen Institutionen deponiert), nehmen die nagenden Selbstgespräche bloß andere Form an: „‘Jetzt hast du ein Kind und bist trotzdem nicht glücklich!‘ ‚Ich bin glücklich!‘ ‚Aber du beklagst dich!‘ ‚Ich bin müde.‘ ‚Jetzt hat man dir ein Kind besorgt und du bist undankbar!‘ Hört das jemals auf?“

(S E R V I C E - Gertraud Klemm: „Muttergehäuse“, Kremayr & Scheriau, 158 S., 19,90 Euro, Buchpräsentation: 18. Februar, 19 Uhr, in der Buchhandlung Thalia, Wien 3, Landstraßer Hauptstraße 2)




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