Letztes Update am Fr, 19.02.2016 16:35

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Der Papst, die katholische Kirche und die Verhütung



Vatikanstadt (dpa) - Papst Franziskus ist immer für eine Überraschung gut. Mit seiner jüngsten Äußerung, Verhütung sei „nichts absolut Böses“ und in einigen Fällen sogar einleuchtend, sorgt das Oberhaupt der katholischen Kirche für Wirbel.

Seine Worte bezog Franziskus auf den Kampf gegen das Zika-Virus, das durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen werden kann und im Verdacht steht, bei Infektionen von Schwangeren Schädelfehlbildungen bei den ungeborenen Babys zu verursachen. Dennoch scheint er an einem Fundament der katholischen Kirche zu kratzen: ihrer Sexualmoral, in der Pille oder Kondome zur Empfängnisverhütung eigentlich tabu sind.

Was sagt die kirchliche Lehre?

Mit der Enzyklika „Humanae Vitae“ verbot Papst Paul VI. im Jahr 1968 jede künstliche Schwangerschaftsverhütung und ging als „Pillen-Paul“ in die Geschichte ein. Während Millionen Frauen in aller Welt die kurz zuvor entwickelte Anti-Baby-Pille dankbar annahmen, sprach der Vatikan ein kategorisches Nein. Jede Art der Verhütung ist verboten, das gilt auch für Kondome.

Worum geht es genau?

Die Pille greife in die natürliche Ordnung des Lebens ein, Sexualität und Fruchtbarkeit dürften nicht getrennt werden, heißt es in dem Schreiben. Und wörtlich: „Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnt haben, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren und ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet.“

Welche Widerstände gab es?

Die deutschen Bischöfe reagierten mit der „Königsteiner Erklärung“. In dem am 30. August 1968 von der Mehrheit der Bischöfe in Königstein im Taunus unterzeichneten Dokument betonten die deutschen Oberhirten, Gläubige könnten von einer nicht mit Unfehlbarkeit verkündeten Entscheidung des kirchlichen Amtes abweichen und müssten letztlich ihrem Gewissen folgen.

Sind Ausnahmen von der strengen Auslegung vorgesehen?

Ja. Zum Beispiel, wenn es um therapeutische Maßnahmen geht wie bei Erkrankungen, die man hormonell behandeln kann. Katholiken dürfen die Pille verwenden, solange sie nicht der Empfängnisverhütung dient. Die Motivation entscheidet also. Doch als im kongolesischen Bürgerkrieg in den 1960er Jahren Ordensschwestern vergewaltigt wurden, erlaubte ausgerechnet der „Pillen-Papst“ Paul VI. Verhütungsmittel - als legitime Form der Selbstverteidigung.

Welche Entwicklungen gab es in jüngerer Zeit?

In seinem 2010 veröffentlichten Interview-Buch „Licht der Welt“ rückte Papst Benedikt XVI. von einem strengen Kondom-Verbot ab. Mit Blick auf HIV-infizierte Prostituierte deutete er an, Kondome seien im Einzelfall moralisch vertretbar, wenn sie dazu dienten, die Infektionsgefahr zu verringern. Für einen Aufschrei der Empörung sorgte Anfang 2013 der Fall einer vergewaltigten Frau in Köln: Zwei katholische Kliniken wiesen sie ab, weil die „Pille danach“ nicht erlaubt war. Kurz darauf ließen die deutschen Bischöfe sie dann in allen katholischen Krankenhäusern zu. Voraussetzung ist aber, dass die „Pille danach“ nicht abtreibt, sondern die Befruchtung verhindert.

Bringt Papst Franziskus jetzt die Kehrtwende?

Fachleute haben Zweifel, dass er die Lehre neu fasst. Denn Franziskus gilt als Papst, der vor allem auf die Seelsorge setzt und darauf, auf die Menschen zuzugehen. „Sein Markenzeichen ist das situative Denken, er ist nicht so sehr an Lehrfragen interessiert“, meint der katholische Publizist Ulrich Ruh. Sollte der Papst dennoch tiefgreifende Änderungen wollen, stehe er vor einem Dilemma: „Wenn er dazu ein Lehrschreiben verfasst, würde er sich von seinen Vorgängern distanzieren“, so Ruh. „Er müsste dann Formulierungen finden, die offiziell keinen Bruch mit der bisherigen Linie bedeuten, diese aber faktisch außer Kraft setzen.“

Und wie geht es jetzt weiter?

Mit Spannung erwarten viele Gläubige die Schlussfolgerungen und Entscheidungen von Franziskus nach der Synode zu Ehe und Familie im vergangenen Jahr. Das sogenannte postsynodale Schreiben soll noch vor Ostern veröffentlicht werden. Bei der Synode hatten die Bischöfe aus aller Welt über diverse Themen kontrovers diskutiert. Neben dem Umgang mit Geschiedenen nach erneuter Heirat ging es auch um die Sexualmoral der Kirche.




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