Letztes Update am Mi, 02.03.2016 08:53

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Reisebüro für Deportation: Schindels „Dunkelstein“ uraufgeführt



Wien (APA) - Fast sieben Jahre hat es gedauert, ehe „Dunkelstein“ doch noch das Licht der Bühnenwelt erblickte. Im Juni 2009 stellte Robert Schindel sein Stück „Dunkelstein“ fertig. Das Wiener Volkstheater, Auftraggeber dieser „Realfarce“, nahm von der Uraufführung Abstand. Seit Jahren war das Stück nun vom Theater Nestroyhof Hamakom angekündigt. Gestern, Dienstag, war es endlich soweit. Es hat sich gelohnt.

Vorbilds für Schindels Figur Saul Dunkelstein ist Benjamin Murmelstein (1905-1989). Dank des Dokumentarfilms „Der Letzte der Ungerechten“ von Claude Lanzmann ist sein umstrittenes Wirken als Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und letzter Judenältester in Theresienstadt mittlerweile einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In dem groß angelegten und personenreichen Stück, dessen Buchausgabe bereits 2010 erschien, hatte Schindel Szenen von einst mit Gesprächen jüdischer Komparsen beim Dreh eines Hollywood-Films über den Holocaust verschnitten.

Dramaturg Karl Baratta und Regisseur Frederic Lion haben für die Uraufführung eine Spielfassung erstellt, die zwar gestrafft ist und die Film-Ebene ausspart, dennoch nicht auf manche Schlenkerer verzichtet. Dazu zählen Anekdoten rund um Alfred Polgar und Egon Friedell, die Schindel Torbergs „Tante Jolesch“ entnommen hat. Doch die heiter-sarkastischen Szenen im Gasthaus Neugröschl schlagen später um, als etwa der aufgrund eines Zwetschgenröster-Disputs aus dem Lokal entfernte Gast (Heinz Weixelbraun) als Handlanger des neuen Regimes auftaucht und sich am Wirt (Florentin Groll) böse rächt.

Es sind überhaupt mehr einzelne Szenen als die Gesamtanlage dieser Inszenierung, die den zweistündigen Abend bemerkenswert machen. Der Auftritt eines fröhlichen Radfahrer, der „Heil Hitler, ich bring die Mazzes!“ grüßt, oder das gemeinsame Singen von „Wien, Wien, nur Du allein“, zu dem SS-Sturmbannführer Linde (Alexander Julian Meile) die beiden jüdischen Funktionäre Viktor Leonhardt (Eduard Wildner) und Saul Dunkelstein (Michael Gruner) zwingt, sind Momente einer Aufführung, in denen sich das Hauptthema konzentriert: Hat sich der Wiener Rabbiner, der als Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde für die Nazis die jüdische Ausreise organisierte, zum Erfüllungsgehilfen des Terrors gemacht?

Gruner beeindruckt als Hauptdarsteller und versucht, sich jener Ambivalenz der historischen Figur anzunähern, die auch in Lanzmanns Film gut herauskommt: Ein aufbrausender, wenig Empathie ausstrahlender Mann, der sich seiner Macht durchaus bewusst ist und mit den NS-Größen auf Augenhöhe verhandelt. Als sein jüdisches „Reisebüro“ nicht mehr Ausreisedokumente, sondern Deportationslisten zusammenstellen muss, wendet sich das Blatt. Doch Dunkelstein beharrt auf der Sinnhaftigkeit seines Tuns: „Wir retten wenige, aber die retten wir!“

Am Ende versucht Dunkelstein, dieses Motto in Theresienstadt umzusetzen. Auch hier gelingt ihm immer wieder, das Unmögliche möglich zu machen und Einzelne vor dem Tod zu bewahren. Etwa einen Säugling, den er vor der Erschießung bewahrt und zurückschickt. Dieser Säugling habe überlebt und sei der Autor des heutigen Stücks, spricht ein Schauspieler das Schlusswort. Ein Gänsehautmoment. Und langer Applaus.

(S E R V I C E - „Dunkelstein“ von Robert Schindel, Uraufführung im Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2, Nestroyplatz 1, Regie: Frederic Lion, Raum: Andreas Braito, Kostüm: Caterina Czepek, Musik: Lukas Goldschmidt. Mit: Lilly Prohaska, Dolores Winkler, Florentin Groll, Michael Gruner, Alexander Julian Meile, Rouven Stöhr, Heinz Weixelbraun, Eduard Wildner und Lukas Goldschmidt. Weitere Aufführungen: 2.-5., 9.-12.3., 20 Uhr, www.hamakom.at; Robert Schindel: „Dunkelstein. Eine Realfarce“, 124 Seiten, Haymon, 17,90 Euro, ISBN 978-3-85218-645-0; http://www.schindel.at)




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