Letztes Update am Mi, 09.03.2016 10:57

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Diagonale - Heimische Filmfestivals: Erfolg dank Selbstausbeutung



Graz (APA) - Die Filmverwertungslandschaft ist im Wandel. Weil weltweit mehr Filme produziert, aber vermehrt online statt im Kino gesehen werden, gewinnen Filmfestivals an Bedeutung für Sichtbarkeit und Verwertung - auch in Österreich, wo die Zahl der Besucher, gezeigten Filme, Spieltage aber auch Festivals über die Jahre signifikant gestiegen ist, wie eine heute bei der Diagonale präsentierte Studie aufzeigt.

43 als Filmfestivals charakterisierte Veranstaltungen zählt Österreich laut dem „Filmfestivalreport“ derzeit, wobei zwei Drittel davon in den vergangenen 25 Jahren gegründet worden sind. 22 von ihnen (darunter die drei größten: Viennale, Diagonale und Crossing Europe) bilden das Forum österreichischer Filmfestivals (FÖFF), das nun eine erste Bestandsaufnahme der Arbeit von Filmfestivals vorlegt - mit dem Ziel, „deren Situation in weiterer Folge nachhaltig zu verbessern“. Beinahe 2.000 Besucher sowie ein Großteil der Festivalleiter wurden dazu von den Studienautoren von paul und collegen befragt.

Die Zahlen, so schlussfolgern die Studienautoren, deuten auf eine veritable „Erfolgsstory“ hin: Mehr als 287.000 Besucher konnten die im FÖFF versammelten Festivals im Vorjahr generieren - 19 Prozent mehr als im Jahr 2011. Auch die Anzahl der Spieltage (plus 12,3 Prozent auf 161), verkauften Eintrittskarten (plus 19 Prozent auf fast 214.000) und gezeigten Filme (plus 18,3 Prozent auf 2.073) ist in dem Zeitraum gestiegen.

Zu verdanken sind die Zahlen einem hauptsächlich weiblichen, jungen und überdurchschnittlich gebildeten Publikum: 63 Prozent der erfassten Besucher sind weiblich, knapp genauso viele mit Uni- oder FH-Abschluss und 45 Prozent unter 30 Jahre alt. Ihre Hauptmotivation für den Festivalbesuch ist die Chance, Filme zu sehen, die sonst nicht regulär ins Kino kommen. Und je spezifischer das Profil eines Festivals ist, desto mehr fällt das ins Gewicht: Bei den FrauenFilmTagen und /slash nennen acht von zehn die thematische Ausrichtung als Grund für ihren Festivalbesuch.

Die Sorge, Filmfestivals würden zu Kinos in Konkurrenz stehen, sieht das FÖFF in der Befragung widerlegt. Erstens, weil der Rahmen für die filmaffinen Besucher zweitrangig sei: Drei Viertel der Befragten geben an, unabhängig ihres Festivalbesuchs 2014 mehr als vier Filme im regulären Kinobetrieb gesehen zu haben (der österreichische Durchschnitt liegt bei 4,1). Und zweitens, weil die Festivals den Kinos Spitzenwerte in punkto Auslastung bescheren: Beträgt der heimische Durchschnitt ca. 45 Prozent, so erzielen die Festivals eine durchschnittliche Auslastung von 68 Prozent.

Den Erfolgszahlen stehen die Abhängigkeit von Förderungen und die prekären Arbeitsverhältnisse der (zu zwei Drittel weiblichen) Mitarbeiter gegenüber. Lediglich acht Prozent der Mitarbeiter können ihrer Festivaltätigkeit hauptberuflich nachgehen - alle anderen sind geringfügig angestellt bzw. arbeiten in Teilzeit, auf Honorarbasis oder freiwillig. Gerade mal 5,10 Euro beträgt der tatsächliche Brutto-Stundenlohn der Mitarbeiter. Die Hälfte von ihnen verlässt das Festival deshalb innerhalb von drei Jahren wieder, „was einen entsprechenden Brain-Drain zur Folge hat“.

Zusätzliche 1,5 Millionen Euro (ein Budgetplus von 23 Prozent) bräuchten nach eigenen Angaben allein jene 17 Filmfestivals, deren Leitungsteams ihre Budgetzahlen in die Studie eingebracht haben, um ihre Mitarbeitern fair bezahlen zu können. 57 Prozent des Gesamtbudgets von 6,5 Mio. Euro (3,7 ohne die Viennale) setzt sich aus Geldern von 36 verschiedenen Förderstellen zusammen, wobei laut Studie ein Fördereuro vier Euro an zusätzlicher Wertschöpfung generiert hat.

So sind die abschließenden Forderungen dann auch an die Fördergeber gerichtet: Neben höheren Budgets und mehr- statt einjähriger Förderverträge sei generell eine Gesamtstrategie für die österreichischen Filmfestivals vonnöten, die die Festivals aktiv mitgestalten könnten. „Eine solche Strategie könnte den Rahmen für die zukünftige Entwicklung der österreichischen Filmfestivallandschaft festlegen“, so die Studienautoren, „und jene Bereiche identifizieren, in denen konkrete Verbesserungen möglich sind.“ Ein erster Schritt ist jetzt in Graz getan.

(S E R V I C E - Der Filmfestivalreport steht unter www.film-festivals.at zum Download zur Verfügung; www.diagonale.at)




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