Letztes Update am Mi, 16.03.2016 11:52

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Kinder suchen ihre Eltern“: Museum erzählt vom Lager Friedland



Friedland (APA/dpa) - „Heinrich P. - vermisst seit 1943 vor Stalingrad“ steht auf einem kleinen Pappschild. Frau und Sohn des Soldaten sind mit diesem jahrelang nach Friedland gekommen. Immer, wenn im dortigen im Grenzdurchgangslager Kriegsgefangene aus der Sowjetunion eintrafen, hofften die beiden auf Hinweise zum Schicksal des Vermissten. Das Pappschild ist nun Teil der Schau im neuen Friedland-Museum nahe Göttingen.

An diesem Freitag wird das Millionenprojekt nach jahrelanger Bauzeit im historischen Bahnhof eröffnet. Die Ausstellung unter dem Motto „Abschied - Ankunft - Neubeginn“ dokumentiert die Geschichte des Lagers, das bis heute Anlaufstelle für Flüchtlinge ist.

Kurz vor der Eröffnung herrscht in den Ausstellungsräumen noch kreatives Durcheinander. Die meisten der 400 Exponate - Fotos, Dokumente, historische Gegenstände - sind zwar am richtigen Platz. An den zwei Dutzend Medienstationen wird aber noch fleißig gewerkelt. „Kein Problem“, sagt der Museumswissenschafter Thomas Drerup. „Alles wird rechtzeitig fertig.“

Kurator Joachim Baur ist vom Museumsstandort ganz begeistert: „Der historische Bahnhof ist ein echter Glücksgriff.“ Er stehe wie kein anderes Bauwerk für das Ausstellungsmotto „Abschied - Ankunft - Neubeginn“. Am Bahnhof Friedland wurden alleine in den ersten Monaten nach der Lagergründung im September 1945 etwa 500 Sonderzüge mit Flüchtlingen und Vertriebenen gezählt. Und noch heute kommen Flüchtlinge mit dem Zug in Friedland an.

Auf Gleis 1, direkt vor dem Museum, hält in diesem Moment eine Regionalbahn aus Göttingen. Ein paar Dutzend Flüchtlinge steigen aus: Junge Männer, Familien. Sie schleppen Koffer und Bündel, zwei Frauen schieben Kinderwagen am Museum vorbei. Das Lager ist nicht weit.

„Für Friedland ist das Museum eine große Sache“, sagt Bürgermeister Andreas Friedrichs (SPD). Das Lager als „Tor zur Freiheit“ habe die Gemeinde weltweit bekannt gemacht. Die Bürger werteten den Bau des Museums auch als Anerkennung ihres jahrzehntelangen Bemühens um Integration.

Drinnen in den Ausstellungsräumen kann man sich auf einen chronologischen Gang durch die Lagergeschichte begeben, vom Zweiten Weltkrieg bis heute. Die ersten Jahre nehmen dabei den größten Raum ein. Bilder, Urkunden und Tondokumente von Zeitzeugen veranschaulichen, welch gewaltige Herausforderungen in Friedland bewältigt wurden: Alleine bis Ende 1945 mussten mehr als eine halbe Million Menschen aufgenommen werden. Der Alltag war durchorganisiert: Registrierung, ärztliche Untersuchung, Entlausung, Verpflegung, Weiterleitung.

Ein Raum zeigt die Arbeit der Wohlfahrtsverbände, etwa die des Suchdienstes des DRK. Das Originalschild mit dem Aufdruck „Diese Kinder suchen ihre Eltern“ ist ebenso zu sehen wie Fotos vermisster Buben und Mädchen. Während das DRK Zehntausende Schicksale aufklären konnte, gab es für die Angehörigen des Soldaten Heinrich P. trotz jahrelangen Bemühungen nie Klarheit.

Im Obergeschoß, der früheren Wohnung des Bahnhofsvorstehers, geht es um die spätere Lagergeschichte: Die Aufnahme von Aussiedlern aus der früheren Sowjetunion oder von Flüchtlingen aus Ungarn, Chile, Vietnam und Sri Lanka und zuletzt aus Syrien, Irak oder Afghanistan.

„Weil das Lager Friedland weiterhin in Betrieb ist, kann man hier Geschichte und Gegenwart verknüpfen“, sagt Kurator Baur. „Für uns als Museumsmacher ist das eine tolle Situation.“ Ergänzend zum Museumsbesuch sollen Führungen durch das Lager angeboten werden. „Die Privatsphäre der Bewohner wird dabei natürlich gewahrt“, sagt Baur.

Mit der Ausstellung im Bahnhof ist das Museumsprojekt noch nicht abgeschlossen. In den kommenden Jahren sollen noch ein Besucher- und Forschungszentrum zu den Themen „Flucht, Migration und Kriegsfolgen“ sowie eine internationale Jugendbegegnungsstätte errichtet werden. Die Gesamtkosten betragen nach Schätzungen rund 20 Millionen Euro.

(S E R V I C E - http://go.apa.at/x5AYpsQj)




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