Letztes Update am Fr, 06.05.2016 20:57

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Emmanuelle Charpentier: Gen-Schere als „mächtiges Werkzeug“



Wien (APA) - „Aus einem bakteriellen Infektions-Abwehrsystem wurde ein mächtiges Werkzeug für Gentechnologie in prinzipiell allen Organismen“, erklärte Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, Freitagabend in Wien. Mit dem von ihr entdeckten CRISPR/Cas9 System habe man nun ein neues Präzisionsinstrument in der Hand, um etwa Krankheitsgene auszuschalten.

Bei Menschen würde sie persönlich lieber sehen, wenn damit nur „gewöhnliche“ Körperzellen (somatische Zellen) behandelt werden, und nicht Keimbahnzellen, aus denen Samen- und Eizellen gebildet werden. Bei diesen würden Veränderungen an die folgenden Generationen weitergegeben. Dagegen könnten zum Beispiel bei Krebs Therapien mit der Gen-Schere sehr effektiv sein, meinte sie bei einem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Bei dieser Gen-Schere führt eine kurze „Leitsequenz“ (guide RNA) den Eiweißstoff Cas9 hochpräzise an eine beliebig gewählte Stelle im Erbgut, wo dieser einen Schnitt durchführt. Dort kann schließlich die DNA modifiziert werden - man kann etwa Gene einfügen oder ausschalten, defekte Erbgut-Teile korrigieren und einzelne DNA-Buchstaben verändern. Charpentier und ihre US-Kollegin Jennifer Doudna haben dafür ein Abwehrsystem von Bakterien (Streptococcus pyogenes) gegen Viren abgewandelt, mit dem sie die DNA der Eindringlinge zerschneiden und dadurch unschädlich machen.

„Das CRISPR/Cas-System gibt es auch in mehr als 350 anderen Bakterien, doch bei Streptococcus ist es besonders einfach aufgebaut und sehr effektiv“, so Charpentier. Mit den nicht so schneidigen CRISPR/Cas-Systemen von anderen Organismen hätte man die Fachwelt vielleicht nicht so gut überzeugen können, dass es hier so eine präzise, praktische Gen-Schere gibt, meint die Forscherin.

„Sehr bald, nachdem wir den Mechanismus beschrieben haben, haben Kollegen damit bei Pflanzen, Tieren und menschlichen Zellen die DNA erfolgreich manipuliert“, sagte sie. Mit der CRISPR/Cas-Gen-Schere habe man nun ein schnelles, günstiges und einfache anwendbares System, um in „höheren Organismen“ präzise genetische Änderungen durchzuführen.

Charpentier stellte ihre Entdeckung bei einer „Landsteiner Lecture“ des Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der ÖAW bei regem Publikumsinteresse vor. Die französische Molekularbiologin hat von 2002 bis 2009 an den Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien geforscht und ist selbst korrespondierendes Mitglied der ÖAW im Ausland.




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