Letztes Update am Di, 10.05.2016 11:36

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bauforscher gegen „archäologisches Disneyland aus Plastik“



Wien (APA) - Die Replik des Triumphbogens von Palmyra in London sollte kürzlich ein Signal für den Wiederaufbau der vom IS zerstörten syrischen Ruinenstadt geben. Doch Bauforscher sprechen sich gegen solche Rekonstruktionen von im Krieg zerstörten Monumenten aus. „Kopien entwerten das Original und kaschieren dessen unwiederbringlichen Verlust als historisches Dokument“, betont die Koldewey-Gesellschaft.

Die 1926 gegründete Vereinigung von historischen Bauforschern in den deutschsprachigen Ländern mit rund 350 Mitgliedern hat kürzlich in Innsbruck getagt. Angesichts aktueller Vorstöße, modernste Technik für die Dokumentation bestehender und die Rekonstruktion verlorener Denkmäler einzusetzen, spricht sich die Koldewey-Gesellschaft gegen eine solche Reproduktion von zerstörten Kulturdenkmälern aus. „Die Menschen in Syrien und im Irak haben etwas Besseres verdient, als ein archäologisches Disneyland aus Plastik vor die Nase gesetzt zu bekommen“, erklärte Ursula Quatember, Vorstandsmitglied der Koldewey-Gesellschaft und Archäologin an der Universität Graz, gegenüber der APA.

Mit solchen Rekonstruktionen werde „suggeriert, man könne mittels digital erzeugter Reproduktionen, wie etwa 3D-Plots, alles wiedererstehen lassen, was irgendwann einmal von irgendwem zerstört wurde, und die digital erzeugte Kopie sei ein vollwertiger Ersatz für das verlorene Original“, heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft. Doch nach Ansicht der Bauforscher wird „durch die beliebige, maßstabs- und ortsunabhängige Reproduktion das Baudenkmal in größtmöglicher Weise marginalisiert und auf sein äußeres Abbild reduziert“.

Für die Koldewey-Gesellschaft handelt es sich bei den zerstörten Objekten aber „um einzigartige, in Form und Konstruktion nicht reproduzierbare kulturelle Zeugnisse“. Ziel müsse sein, die authentische Substanz der betroffenen Denkmäler in ihrer vielschichtigen Wirkung und historischen Bedeutung in größtmöglichem Umfang zu erhalten. Nicht Reproduktionen und Simulationen seien gefragt, „sondern die Rettung der authentischen Monumente - auch in ihrer Fragmentierung - als Mittel der Kommunikation und Geschichtsbewältigung“.

„Schnelle Lösungen aus dem 3D-Drucker, die diese schmerzlichen Verluste des kulturellen Erbes der Menschheit zudecken, anstatt sich damit auseinanderzusetzen, stellen keine adäquate Lösung dar“, sagte Quatember.

(S E R V I C E - Stellungnahme der Koldewey-Gesellschaft im Internet: http://go.apa.at/0sGZ7zrB)




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