Letztes Update am Fr, 27.05.2016 10:07

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„Eroberer fremder Welten“: Roland Girtler wird 75



Wien (APA) - Wilderer, Schmuggler, Landstreicher, Prostituierte, Landärzte, Bauern und der Adel - seine Studien zu den unterschiedlichsten Gesellschaftskulturen, häufig abseits des Alltags angesiedelt, machten den Wiener Soziologen Roland Girtler bekannt. Sein Fach ist für Girtler, der am 31. Mai 75 Jahre alt wird, „ein Abenteuer“, sich selbst sieht er als „Eroberer fremder Welten - aber nicht im bösen Sinn“.

Als „Poet“ bezeichnete einst Publizist Günther Nenning den Feldforscher, denn seine Themen seien „hochpoetisch“. Er selbst beschreibt sich auf seiner Website als „Vagabund, Feldforscher, Scholar in Gottes Weltuniversum, Experte für Sandler und Sennerinnen, für Dominas und Pfarrerköchinnen, für Aristokraten und Ganoven“.

Für sein Metier, die Soziologie, ging Girtler immer wieder auf die Straße sowie auf Reisen. So kam er per Autostopp bis Istanbul, durchquerte Griechenland zu Fuß und fuhr mit dem Rad bis Paris und über die Pyrenäen. Man müsse aber „nicht weiß Gott wohin fahren, um zu forschen“, sagte Girtler einmal zur APA. Eine theorielastige und praxisferne „Verandasoziologie“ hat er aber immer vehement kritisiert.

Dabei sieht sich der Soziologe „nicht nur als Randkulturen-Forscher“. Ihn interessiere die Vielzahl an Kulturen in einer Gesellschaft, man müsse nur das Fremde in der eigenen Kultur suchen. Und da gibt es genug zu entdecken, wie seine jüngsten Bücher zeigen, etwa das zum 250. Prater-Geburtstag erschienene „Wiener Wurstelprater“ mit seiner „bunten Welt der Schausteller und Wirte“ oder in seinem Plädoyer für „Eigenwillige Karrieren - Wer seine eigenen Wege geht, kann nicht überholt werden“ (2011).

Obwohl Girtler am 31. Mai 1941 in Wien geboren wurde, liegen seine Wurzeln in Oberösterreich. In Spital am Pyhrn wuchs er als Sohn eines Landarztes und einer Landärztin auf und besuchte das humanistische Gymnasium im Kloster Kremsmünster. Diese Schulzeit in Kremsmünster stand auch im Mittelpunkt seines Buches mit dem Titel „Die alte Klosterschule - Eine Welt der Strenge und der kleinen Rebellen“.

Girtler begann auf Wunsch des Vaters ein Jus-Studium, das er aber nach zwei Staatsprüfungen an den Nagel hängte: Nach einem schweren Unfall lernte er im Krankenhaus einen Zuhälter kennen. Von den Gesprächen mit ihm war Girtler derart fasziniert, dass er postwendend die Studienrichtung wechselte, über Völkerkunde und Urgeschichte verschlug es ihn zur Soziologie.

Durch seinen Zimmergenossen im Spital kam er auch erstmals in Kontakt mit der Gaunersprache, dem „Rotwelsch“, dem Roland Girtler eines seiner populärsten Bücher widmete. Hilfreich für seine Studien waren ihm nicht zuletzt diverse Ferienjobs und Tätigkeiten zum Gelderwerb. So arbeitete er als Bierausführer, Gemüselieferant oder Filmkomparse.

Seine Domäne ist und bleibt die Feldforschung, für die er auch „Zehn Gebote“ verfasst hat. Darin plädiert er dafür, Forschung nicht mit missionarischen Absichten und politischer und pädagogischer Intention durchzuführen und „das Feld zu erwandern“, denn Feldforscher zu sein, bedeute ein „Wanderforscher“ zu sein, daher sei „Feldforschung körperlich anstrengend“. „Die Wahrheit liegt im Feld“ nannte sich auch eine Festschrift, die anlässlich des 65. Geburtstags des Soziologen herausgegeben wurde.

Girtler beschäftigte sich wissenschaftlich auch mit Kroatien und gleich nach seiner Promotion im Jahr 1971 mit Stämmen Gujarats in Indien. 1972 wurde er Assistent am Institut für Soziologie der Uni Wien, wo er sich 1979 habilitierte. Er selbst bezeichnete einmal die wissenschaftliche Leitung des Wilderermuseums in St. Pankraz als das Höchste, was er in seiner Karriere erreicht habe. Dabei hat ihn die Vereinigung österreichischer Kriminalisten 2013 zum „Ehrenkiberer“ ernannt, 2002 erhielt er das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und 2014 den Preis der Stadt Wien für Volksbildung.

(AVISO - Bilder von Roland Girtler sind im AOM abrufbar.)




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