Letztes Update am Mo, 30.05.2016 15:38

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Tomorrow“ - Regisseur Cyril Dion: „Wir müssen das Narrativ ändern“



Wien (APA) - Mit einer Million Besuchern und einem Cesar war der Dokumentarfilm „Tomorrow“ in Frankreich ein enormer Erfolg. Cyril Dion und Melanie Laurent reisen dabei um den Globus und besuchen alternative wirtschaftliche und ökologische Projekte. Heute, Montag, Abend feiert der Film seine Österreich-Premiere im Wiener Filmcasino, am 3. Juni folgt der reguläre Kinostart. Davor sprach Cyril Dion mit der APA.

APA: Seit dem „Club of Rome“ hören wir immer wieder Botschaften mit dem Grundtenor: Das Ende der Welt ist nahe! Was macht Sie zuversichtlich, dass die Menschen dieses Mal die Warnung ernst nehmen werden?

Cyril Dion: Alle Wissenschafter sagen, dass das Artensterben rapide zunimmt. Wir beginnen die Konsequenzen des Klimawandels zu sehen, wir sehen die Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Eine NASA-Studie hat vor ein paar Jahren herausgearbeitet, dass es zum Ende einer Zivilisation vor allem zwei Faktoren braucht: Das Ausbeuten der natürlichen Ressourcen und das Entstehen massiver Ungleichheiten. Beides können wir heute beobachten. Die Situation wird immer schlimmer. Vielleicht hört man dieses Mal die Botschaft. Unser Film hatte in Frankreich jedenfalls über eine Million Zuschauer. Das liegt wohl auch daran, dass wir nicht belehren, sondern einen guten Film machen und ein paar Lösungen aufzeigen wollten.

APA: Der Film lässt den Zuschauer aber nicht seine eigene Meinung bilden, sondern trägt überdeutlich seine Botschaft vor sich her: Es ist Zeit, zu handeln!

Dion: Das ist unser Standpunkt. Wir geben keine Objektivität vor. Wir wollen die Zuschauer einladen, mit uns auf die Reise zu gehen und teilen mit ihnen, was wir lernen, woran wir glauben. Das war einer der Gründe, warum der Film in Frankreich so einen Erfolg hatte: Die Leute konnten sich mit uns identifizieren.

APA: Dass dieser Zugang manchmal ziemlich naiv wirken kann, haben Sie in Kauf genommen?

Dion: Vielleicht wirkt er hier naiv, für die Franzosen ist das gar nicht so. Für viele ist das ganz neu, was sie hier erfahren. Es gibt Leute, die nach unserem Film erstmals entdecken, dass es Recycling-Systeme gibt und Altglas zu sammeln beginnen. Wir müssen noch einen weiten Weg gehen...

APA: Ursprünglich war „Tomorrow“ ein Filmprojekt von Ihnen. Wann ist Melanie Laurent in das Projekt eingestiegen?

Dion: Ich habe im Dezember 2010 das Drehbuch begonnen und danach zweieinhalb Jahre mit der Finanzierung verbracht. Es war echt hart. Niemand glaubte an unseren optimistischen Zugang, alle sagten: Nein, das Publikum will Dramatik im Kino sehen, Katastrophen, Morde! Das wird niemals funktionieren! 2011 habe ich Melanie Laurent getroffen, zu der Zeit habe ich eine NGO geleitet und sie stieß im Zuge einer Kampagne zu uns. Wir haben uns angefreundet. 2012 wollte sie, dass ich sie zu einem jener Plätze mitnehme, von denen ich dauernd sprach - die Permakultur-Farm, die wir auch im Film zeigen. Auf der Fahrt habe ich ihr von meinem Filmprojekt erzählt - und sie war gleich Feuer und Flamme. 2013 habe ich dann ihren ersten Film als Regisseurin gesehen, „Les Adoptés“, und ich war begeistert. Also habe ich ihr das Angebot gemacht, den Film zusammen zu machen. Sie hat sofort zugesagt und für unser Projekt in der Folge sicher fünf oder sechs richtig große Filme abgelehnt. Ihr Agent ist halb wahnsinnig geworden.

APA: Hatten Sie dabei auch im Hinterkopf, dass Melanie Laurents Name für den Verkauf des Films nicht schlecht wäre?

Dion: Natürlich. Man braucht immer einen Star, damit ein Film wirklich funktioniert. Aber das war nicht die Hauptsache. Der Film war vorwiegend über Mundpropaganda erfolgreich. Und bei der Suche nach Finanziers hat ihr Name gar nicht geholfen. Wir mussten ihn über Crowdfunding kofinanzieren. Das war aber toll: Wir wollten 200.000 Euro in zwei Monaten aufstellen und hatten den Betrag bereits in drei Tagen. Am Ende hatten wir 450.000 Euro - und plötzlich viele andere Partner, die dabei sein wollten.

APA: Um die Welt zu retten, braucht man eine Struktur. Wie haben Sie diese gefunden?

Dion: Was ich vor allem zeigen wollte, war, dass alles miteinander zu tun hat. Wir können diese vielen Probleme nicht separat behandeln. Der Film lässt sich von funktionierenden Ökosystemen inspirieren und stellt das in den Gegensatz zum herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Für den Rhythmus haben wir Hindernisse und Probleme in unsere Erzählung eingebaut. Aber insgesamt verfolgt der Film eine logische Entwicklung - von der Landwirtschaft über das Energiesystem, Wirtschaft und Finanzwirtschaft, zu Demokratie- und schließlich zu Bildungsfragen.

APA: Was ist das große Problem hinter all diesen Problemen?

Dion: Natürlich ist Kapitalismus eines der Probleme. Wir wurden dazu erzogen, dieses Modell nicht infrage zu stellen. Wir können nicht mehr ernsthaft an unaufhörliches Wachstum durch Zerstörung aller Ressourcen glauben. Es geht aber auch um die Leute und die Bilder und Wünsche in ihrem Kopf. Wir müssen das Narrativ ändern. Das war für mich die Hauptmotivation für diesen Film. Wir müssen aufhören, nur Stopp zu sagen, ohne gleichzeitig eine Alternative vorzuschlagen. Ich möchte, dass die Menschen aus dem Film rauskommen und sagen: „In so einer Welt würde ich gerne leben! Vielleicht kann ich dazu etwas beitragen...“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(ZUR PERSON: Cyril Dion wurde 1978 in Poissy (Yvelines) geboren und ist ein französischer Autor, Regisseur und Aktivist. Er war Projektkoordinator für die „Hommes de Parole“-Stiftung und beteiligte sich an der Organisation von israelisch-palästinensischen Konferenzen. Er war Mitbegründer der „Colibris“-Initiative und des Magazins „Kaizen“ und gründete außerdem für den Verlag Actes Sud die Reihe „Domaine du possible“. „Tomorrow“ ist seine erste Regiearbeit.)

(S E R V I C E - www.tomorrow-derfilm.de)




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