Letztes Update am Do, 02.06.2016 18:03

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Janosch in Wien: „Nichts kann man ja immer haben, oder?“



Wien (APA) - Eine ganze Generation ist mit Bär, Tiger, Tigerente und anderen Figuren aufgewachsen. Die Kinderbücher von Janosch sind schützenswertes Kulturerbe der 1970er und 1980er Jahre. Im März feierte der Zeichner, Maler und Autor Horst Eckert alias Janosch seinen 85. Geburtstag. Am Donnerstag eröffnete er eine Ausstellung seiner Radierungen, Aquarelle und Zeichnungen in der Wiener Galerie Augustin.

APA: Herr Janosch, Panama ist in letzter Zeit in aller Munde. Betrübt Sie das, dass sich offenbar auch viele Manager gedacht haben: „Oh, wie schön ist Panama.“

Janosch: Ich wusste das alles nicht, bis ich davon im Fernsehen gesehen habe.

APA: Wie sind Sie damals auf diesen Begriff gekommen, der ja weniger den geografischen Ort als den persönlichen Traum- und Zufluchtsort bezeichnet, der überall sein kann, sogar genau hier?

Janosch: Merkwürdig war das. Reiner Zufall. Ich habe damals an dem Buch gearbeitet und hatte das Radio an. Da sagten sie plötzlich etwas über Panama. Da habe ich aufgehorcht.

APA: Wie hat es Sie dorthin verschlagen, wo Sie seit drei Jahrzehnten Ihr Refugium haben - nach Teneriffa?

Janosch: Das ist eine längere Geschichte. Der Arzt hatte mir nur noch eine kurze Lebenszeit vorausgesagt. Da habe ich mir gesagt: Dann gehe ich woanders hin. Weil man mir gesagt hat, in Teneriffa überlebt man eher, bin ich also dorthin. Ich habe alles verkauft, weggeworfen und vergessen. Letzteres passiert mir jetzt auch immer wieder. Manchmal wache ich nachts auf und weiß nicht mehr, wer ich bin.

APA: Für so einen Fall haben Sie hoffentlich immer ein paar Ihrer Bücher griffbereit?

Janosch: Nein, ich gehe dann herum und suche Gegenstände, die ich kenne, und dann fällt es mir wieder ein.

APA: Sie haben immer dafür plädiert, dass man sich mit dem zufriedengeben soll, das man hat. Das scheint in der heutigen Zeit sehr unpopulär.

Janosch: Wer nichts braucht, darf alles. Denn nichts kann man ja immer haben, oder? So denke ich. Warum wollen alle Leute immer alles? Keine Ahnung. Weil es Sicherheit gibt, anscheinend. Aber noch sicherer ist es, wenn man nichts braucht. Weil das hat man ja.

APA: Ihre Arbeiten gefallen Kindern wie Erwachsenen. Was ist der Grund dafür?

Janosch: Die werden nie erwachsen, die Leute. Die bleiben immer Kinder. Wer lernt denn schon was dazu?

APA: Sie haben Schlosser gelernt.

Janosch: Ja, daraus wurde aber nichts, wegen mangelnder Möglichkeit. Weil ich im zweiten Jahr keinen Lehrplatz fand, habe ich dann in der Fabrik gearbeitet. Ich kann aber jede Tür aufmachen und weiß auch, wie man Geldschränke knackt. Bei jedem Geldschrank gibt es genau eine Stelle. Die müssen sie fühlen, und dort müssen sie reinbohren. Dann geht er auf.

APA: Sie haben danach aber mannigfaltige Talente entfaltet. Was haben Sie denn am liebsten gemacht?

Janosch: Gezeichnet habe ich gerne. Und schöne Sätze erfunden. Und natürlich hatte ich gerne, wenn dann mal Abrechnungen gekommen sind. (lacht)

APA: In der „Zeit“ kommentieren Sie wieder die Zeitläufe. Heute haben immer mehr Menschen Angst vor der Zukunft. Zu recht?

Janosch: Ich mache mir keine Sorgen. Denn eigentlich kann man sich immer vor der Zukunft fürchten. Wir hatten ja schon einmal einen Hitler - ein Österreicher, oder? So etwas kann immer kommen.

APA: Gerade deshalb könnte man doch hoffen, dass die Menschen aus der Geschichte gelernt haben.

Janosch: Könnte man, ja. Aber der Mensch ist kein besonders edles Wesen.

APA: Haben Sie versucht, mit Ihren Büchern den Menschen etwas edler zu machen?

Janosch: Nein. Diese Intention hatte ich nie.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(ZUR PERSON - Janosch wurde am 11. März 1931 als Horst Eckert in Oberschlesien geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete die Familie in den Westen. Künstlerisch tätig wurde er erst in den 1950er Jahren. Nach vergeblichen Studien an der Münchner Kunstakademie versuchte er sich als Autor und Zeichner von Kinderbüchern - der Start für eine beispiellose Karriere mit über 300 Büchern und Weltbestsellern wie „Oh, wie schön ist Panama“ oder „Post für den Tiger“.

(S E R V I C E - Ausstellung „Janosch zum 85sten Geburtstag“, Wien 1, Lugeck 3, Montag bis Freitag 10.30 - 19 Uhr, Samstag 10.30 - 16 Uhr; Radierungen kosten zwischen 250 und 450 Euro, Unikate von 2.000 Euro aufwärts. www.galerie-augustin.com)




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