Letztes Update am So, 19.06.2016 08:03

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Königgrätz 1866 - Als Preußen die Führung von Österreich übernahm



Hradec Kralove /Wien/Berlin (APA) - Vor 150 Jahren, am 3. Juli 1866 unterlag die österreichische Armee in einer der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts nahe der böhmischen Stadt Königgrätz (Hradec Kralove) den preußischen Streitkräften womit auf dramatische Weise die jahrhundertealte führende Rolle der österreichischen Länder im Deutschen Raum beendet wurde.

Im Nachhinein betrachtet war es ein ungleicher Kampf. Die Österreicher waren rüstungs- und führungsmäßig den materiell gut bestückten und auch ausgezeichnet geführten Preußen klar unterlegen. Von dessen Sieg konnten auch die Italiener als Verbündete profitieren, denen Österreich Venetien abtreten musste. Damit verlor die Monarchie auch ihre führende Rolle in Italien.

Der Krieg Preußens gegen Österreich und die mit ihm verbündeten deutschen Kleinstaaten von 1866 war ein „Bruderkrieg“, aber vor allem ein Kampf des übermächtigen preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck. Dieser hatte schon lange die sogenannte „kleindeutsche“ Lösung der deutschen Frage (geeintes Deutschland ohne Österreich) angestrebt, aber bis zuletzt auch eine friedliche Option mit Wien erhofft, unter Wahrung des Großmachtstatus Preußens und seiner dominierenden Stellung in Norddeutschland.

Preußen war nach den Schlesischen Kriegen während Maria Theresias Herrschaft zur fünften Großmacht in Europa aufgestiegen, die Habsburger blieben jedoch die Herrscher über das Römisch-Deutsche Kaiserreich. Nur kurz (1790-92) und dann in den Befreiungskriegen 1813-15 gegen Napoleon waren beide Mächte verbündet.

Im nach dem Wiener Kongress 1814/15 geschaffenen Deutschen Bund, einem lockeren Fürstenbündnis, führte Österreich den Vorsitz in der Bundesversammlung in Frankfurt, doch der Bund wurde von deutschen Patrioten immer mehr als ein Hort der Reaktion angesehen. Österreich war nur mit einem Teil seiner Länder Bundesmitglied, es „wuchs aus Deutschland hinaus“, während Preußen durch den Gewinn des Rheinlandes und von Westfalen auf dem Wiener Kongress „nach Deutschland hineinwuchs“ und von den Habsburgern die „Wacht am Rhein“ (gegen Frankreich) übernahm und auch wirtschaftlich und industriell Österreich bald überholte.

Im Revolutionsjahr 1848 erfolgte die Auflösung des Deutschen Bundes, die Rechte der Bundesversammlung gingen an den bis 1849 amtierenden Reichsverweser (Erzherzog Johann von Österreich) über. Im November 1850 setzte Österreich mit russischer Rückendeckung in der Punktation von Olmütz (Olomouc) die Wiedererrichtung des Deutschen Bundes durch, um den kleindeutschen Einigungsplänen Preußens einen Riegel vorzuschieben. Das empfand Preußen und vor allem sein neuer Vertreter im Bund, der „Junker“ Otto von Bismarck, als schwere Demütigung.

Infolge des Krimkrieges (1853-56) war Österreich in Europa isoliert, weil es Russland mit seiner Schaukelpolitik entfremdete, ohne Sympathien Großbritanniens und Frankreichs zu erlangen. Bismarck versuchte nun, Österreich unter Druck zu setzen. Im Krieg Österreichs gegen Piemont-Sardinien und Frankreich 1859 bewahrte Preußen „bewaffnete Neutralität“. Der 1861 ausgerufene italienische Einheitsstaat galt fortan als potenzieller Verbündeter Preußens.

1862 wurde Bismarck am Höhepunkt einer Staatskrise um die Heeresreform und deren Finanzierung preußischer Ministerpräsident. Nach seiner berühmten „Blut und Eisen“-Rede vom 29. September 1862, die er aber nicht unbedingt als „kriegerisch“ verstanden haben wollte, erklärte er sich zu verbesserten Beziehungen mit Österreich bereit und regte eine Trennung der Einflusszonen an - Preußen in Norddeutschland, Österreich in Italien und auf dem Balkan.

1863 durchkreuzte Bismarck die von Österreich forcierte Reform des Deutschen Bundes (er hielt König Wilhelm von einer Reise nach Frankfurt ab) und versuchte im Konflikt um Schleswig-Holstein außenpolitisch zu punkten. Den Anlass gab die Entscheidung des dänischen Monarchs Christian IX., Schleswig zum integralen Teil Dänemarks zu erklären. Damit handelte er dem Londoner Protokoll von 1852 zuwider, wonach Schleswig nicht enger an Dänemark gebunden werden solle als das zum Deutschen Bund zählende Holstein, dessen Herzog der dänische König war.

Die Frankfurter Bundesversammlung beschloss eine militärische Intervention (Bundesexekution) gegen den dänischen Monarchen, doch befürchtete Bismarck eine pro-österreichische Haltung des neuen Fürstentums, das an das Haus Augustenburg-Sonderburg fallen sollte. Österreich und Preußen setzen sich ab Dezember 1863 in einem Land- und Seekrieg gegen Dänemark durch, in Wiener Frieden vom 1. August 1864 trat dieses alle Rechte in den Elbherzogtümern ab. Laut der Konvention von Bad Gastein (August 1865) wurde Schleswig preußisch, Holstein österreichisch. Bismarck hoffte vergeblich, dass sich das schwer verschuldete Österreich Holstein würde abkaufen lassen.

Ende Februar 1866 hatte der preußische Kronrat erstmals die Möglichkeit eines Krieges mit Österreich in das Auge gefasst, nur Kronprinz Friedrich (der spätere deutsche 99-Tage-Kaiser) war dagegen. Beschlossen wurde die Aufnahme von Bündnisverhandlungen mit Italien, die bald erfolgreich abgeschlossen wurden. Als Österreich Anfang Juni 1866 die Entscheidung über die Zukunft der Elbherzogtümer in die Hände der Frankfurter Bundesversammlung legte, wertete Preußen dies als Bruch der Gasteiner Konvention, marschierte in Holstein ein und beschloss den Krieg gegen Österreich. Wien schloss Mitte Juni einen Geheimvertrag mit Frankreich, wonach es ihm als Preis für eine neutrale Haltung im Kriegsfall Venetien abtreten würde.

Preußens Generalstabchef Moltke hatte schon 1865 in einer Denkschrift einen Kriegsplan gegen Österreich und die mit ihm verbündeten deutschen Kleinstaaten entworfen. Demnach durften Frankreich und Russland nicht sofort in einen Konflikt Preußens mit Österreich eingreifen, das durch Italien militärisch gebunden werden sollte. Sollten sich deutsche Staaten, vor allem die antipreußischen süddeutschen Staaten, auf die Seite Österreichs schlagen, müssten sie in einem raschen Feldzug niedergeworfen werden, insbesondere die sächsische Armee, bevor sie sich mit den Österreichern in Böhmen vereinigen konnte. In seine militärischen Planungen bezog Moltke auch die damals existierenden Eisenbahnen ein: vier Bahnen, die von Berlin nach Sachsen und Schlesien und damit in Richtung böhmischer Grenze führten, während es von Wien nur die Nordbahn nach Olmütz und dann weiter nach Prag gab.

Wien hatte schon am 27. April 1866 mit der Mobilisierung seiner Armee begonnen, Berlin seine mit modernen Waffen, darunter dem Zündnadelgewehr, ausgerüsteten Soldaten wegen der zögernden Haltung von König Wilhelm erst am 3. Mai. Ab Ende Mai standen drei preußische Armeen weit auseinandergezogen zwischen Torgau an der Elbe und dem schlesischen Neiße, bereit, durch konzentrische Märsche nach Böhmen vorzustoßen und sich dort zu vereinigen („Getrennt marschieren, vereint schlagen“ ), vorausgesetzt die Österreicher und die mit ihnen verbündeten Sachsen würden sich zwischen den Flüssen Iser und Elbe konzentrieren.

Als Antwort auf die preußische Besetzung Holsteins wurde am 14. Juni auf Antrag Wiens in Frankfurt die Mobilisierung aller nichtpreußischen Bundestruppen beschlossen. Preußens Gesandter Friedrich von Savigny erklärte daraufhin den Bundesvertrag für gebrochen und den Deutschen Bund für aufgelöst. Ab 16. Juni setzten die Operationen preußischer Truppen gegen die deutschen Mittelstaaten, insbesondere Hannover ein, sie sollten nach Moltkes Pläne geschlagen sein, bevor Preußen sich auf Österreich konzentrieren würde.

Kaiser Franz Joseph übertrug das Kommando über die österreichische Südarmee Erzherzog Albrecht, dem ältesten Sohn von Erzherzog Karl, dem Sieger von Aspern 1809, jenes über die Nordarmee dem nur sehr zögernd zustimmenden Feldzeugmeister Ludwig von Benedek. Die Südarmee siegte am 24. Juni bei Custoza über die schlecht organisierten und geführten Italiener. Am 16. Juni marschierten die Preußen in Sachsen ein, das kampflos besetzt wurde und dessen Truppen schon vorher über die böhmische Grenze abgerückt waren. Dann erfolgte das Vordringen der Preußen in drei Stoßkeilen nach Böhmen, wo sie sich nach mehreren kleineren Gefechten (bei Hühnerwasser, Pachol, Münchengrätz, Gitschin, Nachod, Trautenau, Skalitz und Schweinschädel - nur bei Trautenau waren die Österreicher erfolgreich) vereinigt den inzwischen nordwestlich von Königgrätz bis Sadova (deshalb spricht man in Großbritannien und Frankreich von der Schlacht von Sadova) aufmarschierten Österreichern zum Kampf stellten.

Am 3. Juli 1866 kämpften dort etwa 208.000 Österreicher und die mit ihnen verbündeten Sachsen gegen 221.000 Preußen, beide Seiten verfügten über etwa 700 Artilleriegeschütze. Erst nach dem etwas verspäteten Eingreifen der preußischen Kronprinzenarmee errangen die Preußen den Sieg, Benedek konnte die ihm verbliebenen Truppen hinter die Elbe und nach der Festung Olmütz zurückziehen. Die Verluste der Österreicher waren ungeheuer: rund 41.500 Mann an Gefallenen, Verwundeten und Gefangenen, während die entsprechende Verlustzahl der Preußen bei knapp 10.000 Mann lag.




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