Letztes Update am Mo, 20.06.2016 09:33

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


40 Jahre „Operation Entebbe“: Trauma der Geiseln dauert bis heute an



Herzliya/Gan Shmuel (APA/dpa) - Die Erinnerung an die Ohrfeige durch den deutschen Terroristen schmerzt Shai Gross bis heute - 40 Jahre nach der Entführung eines Passagierflugzeugs nach Uganda. Der dunkelhaarige Israeli fasst sich mit der Hand an die Wange. In Gedanken ist er wieder im Flughafenterminal in Entebbe. Gross war damals knapp sechs und damit die Jüngste der mehr als 100 Geiseln, die bis zur gewagten Befreiungsaktion durch die israelische Armee eine Woche lang in der Gewalt der Terroristen ausharren mussten. „Wir hatten Todesangst“, sagt Gross.

„Für meine Eltern und mich war es der erste Flug ins Ausland“, erzählt der 45-jährige Unternehmer, heute selbst Vater von vier Kindern. Die Air-France-Maschine mit Ziel Paris startete am 27. Juni 1976 in Tel Aviv. Auf einem Zwischenstopp in Athen stiegen dann vier Terroristen in den Airbus. „Ein paar Minuten nach dem Start hörte ich plötzlich lautes Geschrei und sah die Entführer, die mit Schusswaffen und Handgranaten bewaffnet waren“, sagt Gross. „Meine Mutter versteckte mich unter ihrem Sitz und deckte ihren Rock über mich.“

Die linksradikalen deutschen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann brachten das Flugzeug gemeinsam mit zwei Mitgliedern der Volksfront zur Befreiung Palästinas in ihre Gewalt. Sie wollten mehr als 50 palästinensische Häftlinge und Sympathisanten aus Gefängnissen in Israel und anderen Ländern freipressen.

Auch die 48-jährige Zipi Gonen war eines der Kinder auf dem Flug Nummer 139. „Wir sollten die Hände über dem Kopf verschränken“, erzählt sie in ihrem gepflegten Haus in Herzliya nördlich von Tel Aviv. „Ich habe verstanden, dass etwas Schlimmes passiert. Alle Erwachsenen waren sehr ängstlich.“

Nach einem Zwischenstopp im libyschen Benghazi landete das Flugzeug in dem afrikanischen Staat Uganda, dessen diktatorischer Herrscher Idi Amin als pro-palästinensisch galt. Die Geiseln wurden von ugandesischen Soldaten in einem Terminal auf dem Flughafengelände untergebracht. Nach einigen Tagen kam Idi Amin die Entführten besuchen und gaukelte ihnen vor, er wolle ihnen helfen. Gonen hatte trotzdem Angst vor ihm. „Mir erschien er damals wie ein Monster.“

Beide Ex-Geiseln haben die deutschen Terroristen als ganz besonders schlimm in Erinnerung. Brigitte Kuhlmann sei „extrem nervös“ gewesen, mehr als die anderen Entführer, sagt Gonen. Die ehemalige Pädagogikstudentin habe einige der Kinder geohrfeigt.

Eine Ohrfeige vom Deutschen Wilfried Böse hat sich auch Gross tief ins Gedächtnis gebrannt. „Ich spielte mit einem anderen Buben außerhalb des Terminals mit einer Dose Fußball, wir haben Lärm gemacht“, erzählt er. „Deshalb schlug er mir ins Gesicht.“ Er erinnert sich an Böse als „echten Nazi, viel schlimmer als die palästinensischen Terroristen“.

Erinnerungen an das NS-Regime weckte damals auch die besonders perfide „Selektion“ israelischer und jüdischer Passagiere durch die deutschen Terroristen. Nicht-Juden wurden freigelassen. „Eine der Geiseln war ein Holocaust-Überlebender namens Izchak David, er hatte eine tätowierte KZ-Nummer auf dem Unterarm“, erzählt Gonen. „Für ihn war es eine unerträgliche Situation.“ Der Pilot und die Flugbegleiter von Air France beschlossen, bei den jüdischen Geiseln zu bleiben.

Eine Woche nach der Entführung begann dann die dramatische Befreiungsaktion durch israelische Spezialkräfte, die unbemerkt 4000 Kilometer zurückgelegt hatten. „Wir hörten auf einmal Schüsse und Explosionen, es war wie im Irrenhaus“, sagt Gonen. Ihr Vater habe sich in einer Ecke auf sie und ihre Mutter gelegt, um die beiden mit seinem Körper zu schützen. „Weil mein 13-jähriger Bruder nicht bei uns war, ist er aber irgendwann aufgestanden.“ Dabei wurde der knapp 50-jährige Vater tödlich getroffen, durch Kugeln der Rettungskräfte.

Die Familie Gross entkam nur knapp dem Tod. „Meine Eltern haben mich unter Matratzen versteckt“, erzählt Shai Gross. „Ein israelischer Soldat kam ins Zimmer und zielte auf meinen Vater, aber er rief „Israel, Israel!““

Auf dem Weg nach draußen habe er dann „viel Blut und viele Tote“ gesehen, sagt Gross. Die israelischen Soldaten hätten ihn als einen der Ersten in ein riesiges Transportflugzeug des Typs Hercules gebracht, das Geiseln zurück in ihre Heimat rettete. Zuvor hatten die israelischen Spezialtruppen ugandesische Kampfjets auf dem Flughafen zerstört, um eine Verfolgung auszuschließen.

Im Flugzeug sei auf einer Bahre eine abgedeckte Leiche mittransportiert worden, erinnert sich Gross. „Ich fragte meine Mutter, wer ist das? „Yoni Netanyahu“, flüsterte sie.“ Der Kommandant der Eliteeinheit Sayeret Matkal, Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, war bei dem Einsatz ums Leben gekommen. Bei der Aktion wurden auch alle Entführer, drei Geiseln und 20 ugandesische Soldaten getötet.

Netanyahu will zum 40. Gedenktag der „Operation Entebbe“ nach Afrika reisen und als erster Regierungschef Israels seit der Befreiungsaktion auch Uganda besuchen. Die Umstände des Todes seines Bruders hatten einen tiefen Einfluss auf Netanyahus Weltsicht und überzeugten ihn, Politiker zu werden. „Yoni galt in der Familie Netanyahu als der große Hoffnungsträger“, sagt der Journalist Ben Caspit, der eine Biografie des heutigen Regierungschefs geschrieben hat.

„Benjamin Netanyahu wollte eigentlich in die Wirtschaft gehen und plante ein bequemes Leben in den USA“, sagt Caspit der Deutschen Presse-Agentur. „Yonis Tod hat auf einmal alles verändert. Die Fackel lag am Boden und Benjamin Netanyahu wurde nach vorne gedrängt, musste sie aufheben.“ Nach Operation Entebbe habe er dazu beigetragen, seinen Bruder als nationalen Helden zu stilisieren und dies als politisches Sprungbrett benutzt.

Mit dem Trauma der Entführung und den schlimmen Bildern im Kopf geht jede der Ex-Geiseln anders um. Shai Gross kümmert sich um Holocaust-Überlebende und war sehr aktiv im Kampf um die Befreiung des vor zehn Jahren in den Gazastreifen verschleppten israelischen Soldaten Gilad Shalit. „Ich wusste einfach, was es bedeutet, eine Geisel zu sein.“

Zipi Gonen sagt, sie sei überängstlich im Umgang mit ihren 19 und 21 Jahre alten Kindern. Ansonsten sehe sie aber immer „das halb volle Glas“. Und Deutschland ist übrigens ihr Lieblings-Urlaubsland. „Für mich macht es keinen Unterschied, dass zwei der Terroristen Deutsche waren“, sagt sie lächelnd.




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