Letztes Update am So, 03.07.2016 10:27

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Der Richter und sein Sänger - Carreras kam als „El Juez“ nach Wien



Wien (APA) - Mit einer maßgeschneiderten Rolle hat Jose Carreras Samstagabend das Theater an der Wien beehrt. Anlässlich der Zehnjahresfeier des Hauses als Oper gab er „El Juez“ des Österreichers Christian Kolonovits. Der brisante Stoff um einen Richter, der mit Kindesentführungen in der spanischen Franco-Ära konfrontiert ist, war dem Publikum nicht zu schwer, um den Startenor danach ausgiebig zu bejubeln.

Seine letzte Mitwirkung am Musiktheater sollte es sein, hatte Carreras betont - ob er die Drohung tatsächlich wahrmacht, wird sich noch weisen. Nach Bilbao, Erl und St. Petersburg ist das Theater an der Wien die vierte Station von „El Juez“, weitere Stationen sind nicht ausgeschlossen. Auch diesmal führte der spanische Altmeister Emilio Sagi Regie, die musikalische Leitung blieb Familiensache: Carreras-Neffe David Giménez führte das ORF Radio Symphonieorchester Wien durch die Partitur. Für das Libretto zeichnet Angelika Messner verantwortlich.

Carreras spielt die Rolle des Federico, eines Richters, der mit seinem Gewissen kämpft, weil er hilft, die Verschleppungen zu decken. Das lyrische, nachdenkliche Organ des 69-jährigen Spaniers kommt dabei dem dramatischen bis nachdenklichen, auf jeden Fall aber filmreifen Stoff entgegen. Stimmliche Höhepunkte gab es im Theater an der Wien nicht nur einmal zu bejubeln. Das vor einer trostlosen Kulisse, die das Elend etlicher Kinder widerspiegelt, die in der Franco-Ära teils nach der Geburt in Klöster verschleppt wurden.

Das restliche Ensemble verschwindet ganz und gar nicht im Schatten des Stars: Jose Luis Sola erreicht als aufdeckerischer Liedermacher Alberto Garcia mühelos Höhen, die Carreras zu Glanzzeiten erklommen hat. Tieftönender, diabolischer Widerpart ist Carlo Colombara als Geheimdienstchef Morales, der eine solide Leistung bot. Für ihre Strahlkraft gefeiert wurden auch die weiblichen Hautrollen auf der Bühne: Ana Ibarra als Äbtissin und Sabina Puertolas als Fernsehjournalistin Paula.

Es ist eine wilde, aber homogene Stil-Mixtur, die Kolonovits für Carreras zur Partitur gegossen hat. Wer sich zeitgenössische Avantgarde erwartet oder befürchtet hatte, wurde entweder enttäuscht oder durfte aufatmen. Puccini-Klischees fehlen ebenso wenig, wie feinfühlig eingewobene Anleihen aus Musical und Folklore. Das Orchester wurde um Gitarre und Tasteninstrumente erweitert, das RSO Wien und der Arnold Schoenberg Chor machten ihren Job professionell - und laut. „El Juez“ wird zwar nicht als stilprägendes Werk reüssieren, der Carreras-Faktor dürfte aber allemal dazu ausreichen, um in Erinnerung zu bleiben.

Vom Thema des Stücks nicht genug haben dürfte auch einer, dessen Pensionsantritt ebenfalls eng mit der Gerichtsbarkeit verknüpft ist: Bundespräsident Heinz Fischer, der nicht die Loge bevorzugte, sondern es sich mit seiner Frau Margit im Parterre des Theaters gemütlich gemacht hatte.

(S E R V I C E - „El Juez“ von Christian Kolonovits mit einem Libretto von Angelika Messner. ORF Radio Symphonieorchester Wien unter der Leitung von David Gimenez, Regie: Emilio Sagi, Bühne: Daniel Bianco, Kostüme: Pepa Ojanguren, Licht: Eduardo Bravo. Mit Jose Carreras (El Juez/Federico), Jose Luis Sola (Alberto Garcia), Sabina Puertolas (Paula), Carlo Colombara (Morales), Ana Ibarra (Äbtissin), Maria Jose Suarez (Maria/Zweite Nonne), Itziar de Unda (Erste Nonne), Manel Esteve (Paco), Milagros Martin (Alte Frau) sowie Thomas David Birch, Julian Henao Gonzalez, Ben Connor und Stefan Cerny (Vier Männer). Mit dem Arnold Schoenberg Chor unter der Leitung von Erwin Ortner. Weitere Aufführung am 5. Juli, 19 Uhr. Theater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. www.theater-wien.at)




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