Letztes Update am Mi, 27.07.2016 13:06

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Amok und Terror - Auch eine mediale Inszenierung 1



Wien (APA) - Ob Amok oder Terror, immer steckt dahinter auch eine mediale (Selbst-)Inszenierung. Die Selbstinszenierung der Täter läuft in Richtung „Unsterblichkeit“. Beim Terror kann der Journalismus im Propagandaeffekt zum Komplizen werden. Das stellen der deutsche Kriminologe Frank J. Robertz und der Kommunikationswissenschafter Robert Kahr als Herausgeber einer umfassenden Darstellung zu diesem Thema fest.

Keine Frage, Aufsehen erregende Gewalttaten - die physische Gewalt ist das Verbindende zwischen Amok und Terror - sind kein „Zufall“. „Schulamokläufer und Terroristen sichern sich durch das kalkulierte Ausüben von Gewalt einen Platz in den Schlagzeilen der Presse. Sie folgen damit einer bewährten Kommunikationsstrategie, die menschenverachtend und gleichermaßen durchschaubar ist. Dieses Kalkül der Täter geht insbesondere dann auf, wenn Medien destruktive Botschaften der Täter ungefiltert weitertragen. Auf diese Weise verbreiten sie Angst in der Gesellschaft, belasten die Opfer und liefern im schlimmsten Fall eine Inspiration für Nachahmer“, stellten Robertz und Kahr (beide am Institut für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie/IGaK in Berlin) unmittelbar nach dem Amoklauf von München am vergangenen Wochenende fest.

Die Experten haben erst vor kurzem im Springer-Verlag den Sammelband „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus - Zur medienpsychologischen Wirkung des Journalismus bei exzessiver Gewalt“ herausgebeben. Die Experten in ihrer aktuellen Stellungnahme: „Trotz der professionellen Kommunikation seitens der Polizei München fallen im Kontext der Amoktat am 22. Juli 2016 zahlreiche problematische Vorgehensweisen von Journalisten auf.“

Der Wiener Sozialpsychiater Johannes Wancata (MedUni Wien/AKH) hat erst vor kurzem anlässlich einer Tagung der österreichischen Gerichtspsychiater gesagt: „Terrorismus ist eine Form der psychologischen Kriegsführung.“, betonte Wancata. Terrorakte zielten über das Leid der direkt Betroffenen hinaus und seien geplant, um die gesamte Gesellschaft zu treffen.

Medien spielen eine überragende Rolle in der Kommunikation der Schreckensbotschaft des Terrors. „Sie (die terroristischen Taten; Anm.) wollen Angst und Schrecken auch bei denjenigen hervorrufen die nicht unmittelbar von einem Anschlag betroffen sind. Sie sollen die Einstellung bestimmter Bevölkerungsgruppen verändern, politische Entscheidungen beeinflussen usw.“ heißt es in dem etwas mehr als 200 Seiten umfassenden Band in einem Zitat.

Dabei können die Medien mit ihrem Geschäftsmodell des Jahres 2016 - genauso wie in den vergangenen Jahrzehnten - nicht an der Darstellung von Gewalt vorbeigehen. „Kontroverse, Konflikt, Negativität, Prominenz, Aggression, Nähe, Dauer und Visualität“, seien die wesentlichen Charakteristika für die Selektion von Themen für die Berichterstattung. „Devianz und soziale Signifikanz“ seien zentrale Kategorien, welche ein Ereignis „wichtig“ machten. Der Terrorangriff auf das World Trade Center in New York (9/11) hätte mit der Tötung vieler Menschen und der Zerstörung symbolträchtiger Gebäude mit „normalen“ Verkehrsmitteln ein hohes Maß an von der Normalität abweichender Aktion und über die Verunsicherung von Millionen Menschen auch hohe soziale Signifikanz gehabt.

Freilich, die Medien des 21. Jahrhunderts kommen besonders leicht in die Gefahr einer Komplizenschaft. „Da Medien auch immer im Wettbewerb um Leser und Zuschauer stehen, kommt ein hoher Konkurrenzdruck um die neuesten Informationen hinzu, der durch die Gerüchtebildungen und Diskussionen in Social Media noch zusätzlich verschärft wird. Zudem werden angesichts von Online-Kanälen der meisten Medien auch deren Redaktionsschlüsse obsolet. Gab es in früheren Zeiten eine klare Deadline, bis zu der Meldungen in die Morgenzeitung aufgenommen werden konnten, so wird im digitalen Zeitalter fortlaufend publiziert. Angesichts dieser fortschreitenden Beschleunigung besteht die Gefahr, dass Gerüchte und Spekulationen bei unzureichender Prüfung zu Falschmeldungen oder Verletzungen von Persönlichkeitsrechten führen“, stellen die Herausgeber des Buches mit Beiträgen von zwölf namhaften internationalen Experten im Vorwort fest. Beim Bloggen und Online-Tickern kann leicht jede Überlegung fehlen, was an Inhalten und wie diese transportiert werden.




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