Letztes Update am So, 21.08.2016 08:04

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Missio-Chef: Viele Parallelen zwischen Franziskus und Mutter Teresa



Vatikanstadt/Wien/Kolkata (Kalkutta) (APA/KAP) - Zahlreiche Parallelen zwischen Mutter Teresa und Papst Franziskus erkennt Leo Maasburg, scheidender Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke „Missio“ in Österreich. „Ich glaube, Papst Franziskus tut mit seiner Lehrautorität das, was Mutter Teresa mit ihrem Beispiel getan hat“, so Maasburg in einem Kathpress-Interview im Vorfeld der Heiligsprechung der Ordensgründerin am 4. September in Rom.

Ausdrücklich oder implizit zitiere der Papst öfters die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa - „sie haben eine ähnliche Denkweise“, so der Wiener Priester, der Mutter Teresa während der 1980er-Jahre auf zahlreichen Reisen begleitete und nach ihrem Tod ab 2002 auch Mitglied der römischen Kommission zu ihrer Seligsprechung war.

Ebenso wie beim heutigen Papst sei zuvor schon bei Mutter Teresa die Zärtlichkeit Gottes und die Zuwendung zu den „Ärmsten der Armen“ im Zentrum des Wirkens gestanden. „Mutter Teresa hat der Kirche dadurch eine neue Priorität gegeben und vorgezeigt, dass man Gott in den Ärmsten der Armen begegnet“, so Maasburg. Der Papst wie auch die künftige Heilige hätten den Menschen mit seinen Nöten ins Zentrum der Kirche gestellt, die ein „Feldlazarett“ sei und sich um die Verletzten der Welt annehmen müsse. „Mutter Teresa sah und verehrte die Gegenwart Jesu in den Ärmsten genauso wie in der Eucharistie. Das waren auch die beiden Säulen ihres Lebens.“

Ganz offensichtlich träten die Parallelen der beiden Kirchengestalten in deren Reisepolitik zutage. Mutter Teresa habe etwa einmal die Einladung der Regierung der damaligen Provinz Madras nur unter der Bedingung angenommen, die Reiseziele selbst auswählen zu dürfen, erinnert sich Maasburg. „Auf dem Programm stand dann bloß: erstes Slum, zweites Slum, drittes Slum“, selbst der kurze Höflichkeitsbesuch beim Gouverneur sei von ihr abgelehnt worden. Papst Franziskus verfahre ähnlich: „Er fliegt nach Albanien und Lampedusa, war aber noch nie in Berlin, London oder München. Wie Mutter Teresa fragt er: Wo sind die Ärmsten der Armen - dorthin müssen wir!“

Papst Franziskus lernte Mutter Teresa 1994 während einer Bischofssynode im Vatikan persönlich kennen. Damals saß sie direkt hinter dem heutigen Papst. Er habe die Kraft, Entschiedenheit und Furchtlosigkeit ihrer Wortmeldungen bewundert, sagte Franziskus später. Mehrmals - etwa in der gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. verfassten Enzyklika „Lumen fidei“, im Schreiben „Evangelii gaudium“ oder im Verkündigungsbrief zum „Jahr der Orden“ - nannte Franziskus Teresa von Kalkutta in einem Atemzug mit seinem Namensgeber, dem Heiligen Franz von Assisi.

Mutter Teresas Leben sei „ein kleiner Katechismus“ gewesen, zumal sie jedes einzelne der kirchlichen „Werke der Barmherzigkeit“ erfüllt habe, betont Maasburg. Das Wort Jesu „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, habe sie direkt umgesetzt. Er selbst betrachte Mutter Teresa durch diese Prioritätensetzung und ihre zahlreichen noch nicht veröffentlichten Schriften über spirituelle Themen bereits als „Kirchenlehrerin“.

Stets habe Mutter Teresa den anderen Menschen „Gott zuführen“ wollen - was bei den vielen der im Elend Lebenden bedeutet habe, „ihnen die Würde als Kinder Gottes zurückzugeben“, so der langjährige „Missio“-Nationaldirektor. Die Obdachlosen, Leprakranken und Sterbenden sollten vor allem ihre menschliche Gestalt zurückerhalten - „durch Waschen, Nägel schneiden, Bart rasieren, natürlich auch Essen und Trinken“. Die Ordensfrau habe erkannt, dass extreme Armut den Menschen auch vom Glauben entferne und er deshalb eine „Erlösung von Leib und Seele zugleich“ benötige.

Die Ordensgründerin und Nobelpreisträgerin habe Armut dabei nicht auf finanzielle Bedürftigkeit beschränkt und in jedem Menschen erkannt. „Mutter Teresa sagte stets, ihr braucht nicht nach Kalkutta fahren, um die Armen zu treffen - sucht sie in eurer eigenen Familie und verwandelt eure Liebe zu Christus in tätige Liebe für die Mitmenschen“, so der Wiener Priester.

Die Unterscheidung, wer zu den „Ärmsten der Armen“ gehörte, habe Mutter Teresa intuitiv vollzogen. „Für sie gehörte dazu, wem der Schutz vor Naturgewalten, wem Nahrung, Kleidung, zumindest minimale medizinische Versorgung und Bildungsmöglichkeit fehlte, jedoch auch, wer keine sozialen Bindungen hatte oder Möglichkeiten, Gott kennenzulernen“, erinnert sich Maasburg. Auch unter Millionären in den USA habe die Ordensgründerin folglich „Ärmste der Armen“ erkannt. „Sie bezeichnete die Einsamkeit als die Armut des Westens.“

Die finanziellen Unterstützer ihrer Arbeit habe Mutter Teresa stets mit Nachdruck eingeladen, selbst mitzuhelfen, die Armen zu „berühren“ und diese dabei als „wunderbare Menschen“ kennenzulernen. Viele hätten durch einen freiwilligen Einsatz in den Werken des Ordens ihr Leben verändert. Mutter Teresa habe enorme Vorbildwirkung entwickelt, so Maasburg: „Wenn man bis heute noch immer wieder den Spruch hört: ‚Ich bin ja nicht Mutter Teresa‘, so zeigt das nur, wie sehr sie Beispiel war und auf diese Weise gewirkt hat, vielleicht noch viel mehr als durch ihr materielles Tun.“

(Kathpress-Themenpaket mit zahlreichen Meldungen und Hintergründen zur Heiligsprechung Mutter Teresas unter www.kathpress.at/mutterteresa)




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