Letztes Update am Mo, 22.08.2016 08:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Stichwort: Die Terrorgruppe Abu Nidal



Wien/Jerusalem (APA) - Die palästinensische Terrorgruppe Abu Nidal („Fatah Revolutionärer Rat“) hat in Österreich durch drei Anschläge in den 1980ern traurige Bekanntheit erlangt. Die Gruppierung, die von den USA als „gefährlichste Terrororganisation“ mit dem „weitesten Aktionsradius“ charakterisiert wurden, wird für den Anschlag auf die Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse im August 1981 verantwortlich gemacht.

Kurz zuvor, im Mai 1981, erschossen Abu-Nidal-Aktivisten den Wiener Stadtrat und damaligen Präsidenten der Österreichisch-Israelischen Gesellschaft, Heinz Nittel. Auch der Anschlag auf den Flughafen Wien-Schwechat im Dezember 1985 rechnet man Abu Nidal zu.

Die Terrorgruppe Abu Nidal wurde 1974 von dem palästinensischen Top-Terroristen Sabri al-Banna alias Abu Nidal („Vater des Kampfes“) gegründet, als dieser selbst von Yasser Arafats Palästinensischer Befreiungsorganisation (PLO) ausgeschlossen wurde. Er hatte Arafat zu große Kompromissbereitschaft vorgeworfen und nach der Anerkennung des Existenzrechts Israels durch die PLO sogar zur Ermordung Arafats aufgerufen, dem er „Hochverrat“ am palästinensischen Volk und an der arabischen Nation vorwarf. Al-Banna wurde deshalb von einem PLO-Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Seither richteten sich Abu Nidals Terrordrohungen nicht nur gegen den „zionistischen Erzfeind“, sondern auch zunehmend gegen Angehörige des PLO-Establishments, vor allem gegen den Mitbegründer der PLO-Gruppierung Fatah, Abu Ijad. Ijad wurde im Jänner 1991 in Tunis von einem Palästinenser ermordet.

Abu Nidal zählte zu den grausamsten Terroristen des arabischen Raumes. Insgesamt 900 Menschen starben durch Attentate seiner Handlanger, die sich oftmals in Wien ausruhten. Auch Nidals Tochter lebte während der 1990er-Jahre für einige Zeit in Wien-Alsergrund.

Die international wohl folgenschwerste Aktion Abu Nidals war der Lockerbie-Anschlag von 1988, zu dem sich die Gruppe 2002 bekannte. In Zusammenarbeit mit libyschen Helfern (Abu Nidal hielt sich damals in Libyen auf, Anm.) und offenbar im Auftrag der libyschen Führung soll die Gruppe am 21. Dezember 1988 einen Jumbo der US-Airline Pan Am in die Luft gesprengt und damit alle 259 Insassen sowie elf Menschen am Boden in den Tod gerissen haben.

Einer der spektakulärsten Anschläge der Organisation, die auch von der EU auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt wurde, war 1982 die versuchte Ermordung des israelischen Botschafters in London, Shlomo Argov, der nach einem Kopfschuss lebenslang ein Pflegefall blieb. Das Attentat war letzter Auslöser für die von Ariel Sharon befehligte israelische Libanon-Invasion.

Nach unbestätigten Berichten soll Abu Nidal auch mehrere PLO-Vertreter in Europa umgebracht haben und Auftragsmorde für die libysche und irakische Führung begangen haben. Dem französischen Geheimdienst zufolge erpresste Abu Nidal zudem mehrere arabische Golf-Monarchien, die ihm hohe Geldsummen zahlten, um von Anschlägen verschont zu bleiben. Ende der 1980er Jahre soll Abu Nidal den Schutz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi genossen haben, später setzte er sich in den Irak ab, wo ihm Saddam Hussein Unterschlupf gewährte.

Im Laufe der 1990er Jahre wurde es ruhig um den angeblich schwererkrankten Terroristenführer Al-Banna und seine Organisation. Geheimdienstkreisen zufolge soll sich die Gruppierung Mitte der 90er Jahre aufgelöst haben, in einem Bericht des deutschen Verfassungsschutzes aus dem Jahr 2000 wird Abu Nidal jedoch noch erwähnt. Ihr Gründer Al-Banna kam 2002 65-jährig unter mysteriösen Umständen - Gerüchten nach wurde er von Saddam Husseins Geheimdienst ermordet - in Bagdad ums Leben. Seine Leute sollen immer noch, insbesondere im Libanon, aktiv sein.

Die Aktivitäten Abu Nidals hatten jedoch auch in Österreich ein Nachspiel, das bis in die Gegenwart reicht. Im Jänner 2000 verhaftete die österreichische Polizei eine mysteriöse Frau mit Spitznamen „Die Sanfte“, weil sie ein vermutlich der Terrorgruppe gehörendes Bankkonto räumen wollte. Die acht Millionen US-Dollar (5,56 Mio. Euro), die nach wie vor auf dem Konto in Wien-Alsergrund liegen, gehörten mit großer Wahrscheinlichkeit Abu Nidal. Die Ehefrau des damaligen Finanzchefs der palästinensischen Terrorgruppe reiste - nachdem sie auf Kaution freigelassen wurde - nach Libyen und damit außer Reichweite der österreichischen Justiz.




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