Letztes Update am Mo, 22.08.2016 10:07

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Sport: Anleitung zum Erfolgreichsein: „Ansetzen im Nachwuchsbereich“



Rio de Janeiro/Wien/Schladming (APA) - Die magere Ausbeute Österreichs in Rio de Janeiro hat wie vor vier Jahren nach den medaillenlosen Sommerspielen in London Diskussionen über die österreichischen Sportstrukturen ausgelöst. Auch Andreas Schwab ist für konzentriertere Spitzensport-Förderung. Der ehemalige Olympia-Vierte im Zweierbob, Manager und Sportfunktionär hält aber vielmehr Investitionen in den Nachwuchs für wichtig.

Schwab ist überzeugt, dass Geld in der Sportförderung am besten im Nachwuchsbereich aufgehoben ist, um langfristig im Sommer wieder erfolgreich zu sein. Zehn Jahre und 10.000 Stunden Training müsse man einkalkulieren, bis erfolgreiche Topsportler herauskämen, erklärt der 63-Jährige Steirer im APA-Interview anlässlich der Sommerspiele in Rio. Schwab hat vier Kinder, der 21-jährige Matthias gilt als größte Zukunftshoffnung Österreichs im Golf Profisport.

APA-Interview mit Andreas Schwab:

APA: Gleich einmal eine unbeliebte Frage: Was denken Sie, wenn Sie die Bezeichnung „Olympia-Touristen“ lesen oder hören?

Schwab: „Vorweg eine Klarstellung. Ich will helfen und Denkanstöße geben, nicht kritisieren. Wenn ich also so etwas höre, dann denke ich, dass man die unglücklichen Sportler nicht abqualifizieren sollte, sondern sich eher Gedanken darüber machen, wie das Umfeld, in dem die Sportler gelebt und trainiert haben, in den letzten vier Jahren ausschauen hätte müssen, damit man sie jetzt nicht so abwertend beurteilen kann. Nicht die Sportler sind letztlich alleinverantwortlich dafür, dass sie dort stehen, wo sie sind. Das ganze Umfeld ist verantwortlich. Das Umfeld muss dafür sorgen, dass ein Athlet Spitzenleistungen bringen kann.“

APA: Nach nur einer Bronzemedaille und einem Platz jenseits der Top 70 im Medaillenspiegel scheint das aktuelle Umfeld für Spitzensport in Österreich eher nicht optimal zu sein, oder?

Schwab: „Ich war geschockt als Lara Vadlau sinngemäß sagte, dass sie aufhören muss, wenn sich das Umfeld nicht verbessert. Und das, obwohl der Segelverband bekanntlich sehr gut organisiert und erfolgreich ist. Sie hat förmlich um Hilfe gefleht. Wir werden in den Zeitungen im Medaillenspiegel als ‚unter anderem Siebzigste‘ genannt. Dort sind wir leider. Würden wir es richtig machen, könnten wir viel weiter vorne sein.“

APA: Was muss man Ihrer Meinung nach anders machen, damit es „richtig“ ist?

Schwab: „Wir werden weiterhin bei Sommerspielen oder Weltmeisterschaften das gleiche Problem immer wieder haben, wenn wir uns nicht intensiv um den Nachwuchs kümmern. Man muss nur schauen, woher die wirklichen Spitzensportler kommen. Der ÖSV ist sehr gut, aber gemacht haben den Marcel Hirscher in erster Linie die Eltern. Oder Dominic Thiem. Oder der deutsche Turner Fabian Hambüchen, da steht auch der Vater am Gerät und ist sein Trainer. In vielen sogenannten Kleinstzellen werden absolute Spitzenleute herangebildet. Diese Zellen, meistens Eltern mit örtlichen Trainern und Funktionären, gibt es. Wirkliche Fachleute der einzelnen Fachverbände müssen solche ‚Nachwuchstalente‘ früh genug erkennen und wieder mit Eltern zusammen Förderprojekte machen. Eltern können das alleine nicht bewerkstelligen. Sie brauchen Hilfe. Dazu muss man die heute Zehn- bis Vierzehnjährigen erfassen und großziehen. Die sind in zehn Jahren im besten Olympiaalter. Zehn Jahre reichen.“

APA: Aber aktuell wird gerade die noch konzentriertere Förderung der deutlich älteren Medaillen-Kandidaten forciert. Ist das denn falsch?

Schwab: „Spitzensportler und Medaillen-Anwärter gehören optimal betreut und gefördert. Wer sagt, wer ein solcher ist? Wie viele wirkliche solche haben wir? Das hat natürlich seine Berechtigung. Aber man wird zweigleisig fahren müssen. Denn die Situation für Leistungssportler hat sich in den letzten 20 Jahren drastisch verändert. Die 20-Jährigen gehören natürlich intensiv gefördert, man braucht ja Olympia-Mannschaften für 2020 und 2024. Aber schon 2024 kann das ein heute Zehn- oder Vierzehnjähriger sein. Meiner Meinung nach gehört deshalb am meisten in der Nachwuchsförderung angesetzt. Der bestens ausgebildete und betreute Nachwuchs ist für mich die Zukunftshoffnung. Dorthin gehören die besten Trainer und das Geld. Wenn das in Zukunft nicht beachtet wird, werden wir weiterhin Probleme haben.“

APA: Nachhaltige Sport-Erfolge also über intensivere Investition in den Nachwuchs?

Schwab: „Die sportmotorische und feinkoordinative Entwicklung für einen zukünftigen Leistungssportler muss fast schon im Kleinkindalter beginnen. Man weiß aus der Sportmedizin, dass es für die unterschiedlichen sportmotorischen Fähigkeiten sogenannte Entwicklungsfenster gibt. Koordinative Fähigkeiten etwa können nur bis zum zwölften Lebensjahr optimal entwickelt werden. Das kann man später nicht mehr nachholen. Bei einem 20-jährigen Athleten, der überdurchschnittlich gut, aber nicht ausreichend sportmotorisch entwickelt ist, wird die weitere Entwicklung limitiert sein. Er kann gut werden, nahe an die Weltklasse kommen, wird aber eher nie ein Medaillengewinner werden.“

APA: Ihre Söhne sind beide sehr gute Golfer, Matthias ist auf dem Weg zum Profi. Erstmals aufgefallen sind die Schwab-Burschen, weil sie bei „Wetten, dass?“ auf einem Einrad sitzend mit Schlägern Golfbälle jongliert haben. Meinen Sie das?

Schwab: „Das war ein absolutes Nebenprodukt der sportmotorischen Entwicklung der Kinder. Die koordinative Entwicklung im Kindesalter und das Umfeld, in dem die Kinder aufwachsen, ist bereits die Basis für spätere Erfolge. Aber ich würde gerne Hans Pum vom Skiverband zitieren, der einmal gesagt hat: ‚Wenn du Spitze werden möchtest, musst du dort leben, trainieren und Wettkämpfe bestreiten, wo die Besten sind.‘ Ich bin mit den Buben als Zehnjährige erstmals zu Turnieren in den USA oder England gefahren. Wenn die Besten nicht in Österreich sind, musst du eben woanders hingehen. Man muss sich einfach anschauen, auf welchem Level sich jede Sportart international bewegt.“

APA: Schon im jugendlichen Alter?

Schwab: „Auch die Spezialisierung findet - abhängig von der Sportart natürlich - früher statt als heute viele Trainer glauben. Man muss die jungen Sportler früh genug an große Wettkämpfe gewöhnen. Schon mit zehn bis zwölf sollten sie bei internationalen Wettkämpfen Erfahrung sammeln und nicht erst mit 16. Sie haben dann keine Erfahrung mit den Verhältnissen bei Großveranstaltungen und mit dem Umgang von ungewohnten Situationen. Sie verhalten sich wie die Maus vor dem Elefanten, sind ängstlich, werden nervös und versagen. Ein Phänomen, das wir häufig bei österreichischen Sportlern erleben. Versagen bei großen Wettkämpfen, nicht erreichen der erwarteten Ziele. Wie bei Olympia.“

APA: Welche Folgen hat es, wenn man sich zu spät um den Nachwuchs kümmert?

Schwab: „Dass die Sportler das später nie mehr aufholen können, da können fünf Förderprogramme kommen. Wenn erneut nur die bestehenden Besten gefördert werden, wird das wieder nicht funktionieren. Die Aufgabe wird sein, mit einer Spitzensport-Förderstelle die Talente früh erkennen und fördern. Und wir brauchen die richtigen Leute wie zum Beispiel ehemalige Spitzenathleten. Diese könnten mit entsprechender Ausbildung gut in der Lage sein, dabei zu helfen, Kinder auszusuchen, die Chancen haben.“

APA: Was zählen Sie alles zum angesprochenen „Umfeld“?

Schwab: „Alle Personen, die es im Umfeld der Leistungssportler eben geben muss. Sie alle müssen bestens ausgebildete Profis sein. Es reicht nicht mehr, Funktionär oder Trainer aus Freude und Spaß zu sein. Wir haben in Österreich viele gute Leistungssportler hervorgebracht, man sieht aber in fast keiner Sportart unsere ehemaligen Spitzensportler. Dabei könnten diese natürlich mit entsprechender Ausbildung viel einbringen.“

APA: Wie viel Geld müsste man für die Nachwuchs-Förderung in die Hand nehmen?

Schwab: „Genug jedenfalls. Ich kenne Familien bei uns im Ennstal, die sich nicht leisten können, ihre Kinder zum Leistungssport zu entwickeln, weil sie nicht das Geld haben. Selbst wo es ums Skifahren geht. Manche Eltern können sich Ski-Leistungssport ihrer Zehn- bis Vierzehnjährigen nicht leisten, geschweige denn andere Sportarten. Da muss bereits die Förderung ansetzen. Wenn ein hoffnungsvoller Sportler bis zu seinem 14. Lebensjahr nicht ausreichend ausgebildet wird, hat er heute schon fast keine Chance mehr, jemals wirklich die Weltspitze zu erreichen“

APA: Wie sollte sich diese Förderung dann entwickeln?

Schwab: „Durchgehend! Nachhaltig! Matthias etwa war ein Jahr verletzt, konnte keine Turniere spielen. In Österreich hat man ihm daraufhin die Sportförderung gestrichen, für uns ist fast eine Welt zusammengebrochen. Auf der Vanderbilt-Universität in den USA hingegen hat man ihm sofort versichert, dass sein Stipendium zu 100 Prozent bis zum Studienabschluss 2017 gesichert ist. Da krieg‘ ich heute noch Gänsehaut. Dieser Vertrauensbeweis war ein extremer Push für ihn. Jetzt ist er wieder die Nummer eins der Uni und Vierter der Weltrangliste.“

APA: Sie kennen als früherer Sporthilfe-Chef die Förderstruktur in Österreich gut. Ihre Meinung?

Schwab: „Es ist ja hinlänglich bekannt, dass es über zehn Förderorganisationen im österreichischen Leistungssport gibt. Ein Unsinn. Meiner Meinung nach braucht es eine konsequente Trennung zwischen Breiten- und Schulsport einerseits sowie Leistungssport andererseits. Für Leistungssport sollte es eine einzige Förderstelle geben, die den Überblick vom förderungswürdigen Nachwuchssportler bis zum olympiatauglichen Athleten hat und wo Top-Leute sitzen und dafür sorgen, dass Geld richtig und ohne bürokratische Hürden ankommt. Das ist machbar, denn wir haben nicht übermäßig viele förderungswürdige Topathleten, egal in welchem Alter. Das sollte eine eigenständige Organisation sein, die mit Fachverbänden und Eltern kooperiert.“

APA: Besteht nicht aktuell auch das Problem, dass immer weniger Jugendliche überhaupt Sport betreiben?

Schwab: „Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem. Nur Eltern können auslösend darauf einwirken, dass ihre Kinder zum Sport kommen. Aber in vielen Familien sind beide berufstätig. Niemand hat Zeit, die Kids zu animieren, den Spaß am Sport zu wecken. Die zweite Hürde ist, dass man in jedem Verein sofort Mitgliedsbeiträge, Stadionbenützungsgebühren usw. einhebt. Viele können sich das gar nicht leisten. Es wäre gut, wenn vom Staat, dem Land oder der Gemeinde finanzierte Sportanlagen zur Verfügung stehen würden und die Leute täglich zu bestimmten Stunden gratis üben und trainieren könnten. Diese Situation sollte unbedingt herbeigeführt werden.

APA: Was empfehlen Sie also abschließend, um bald wieder mehr Medaillenkandidaten im Sommer zu haben?

Schwab: „Man sollte sich anschauen, wie erfolgreiche Nationen arbeiten. Die meisten amerikanischen Olympioniken kommen zum Beispiel aus sportverrückten Familien, wo die Grundlagen geschaffen wurden, und sind oder waren Universitätssportler. Dort wird mehr als professionell gearbeitet. Vor allem sind auch die Trainer wichtigste Faktoren in diesem angesprochenen Umfeld. Trainer brauchen bestmögliche Ausbildung, Auslandsaufenthalte bei den Besten wiederum, um später entsprechende Arbeit zu Hause leisten zu können. Ebenso der Physiotherapeut, der Masseur, die Fitness- und Techniktrainer, die Sportmediziner. Das Ganze ist ein Uhrwerk. Nur wenn alles optimal ineinandergreift und der Sportler das Talent, den Willen, die Bereitschaft, die mentale Stärke und vieles mehr hat, dann gibt es einen erfolgreichen Athleten. Aber das ist viel Arbeit und braucht die besten Köpfe des Landes.“

APA: Danke für das Gespräch.

(Das Interview führte Hans Gödel/APA)

Anmerkung: Andreas Schwab (63) war als Sportler Juniorenmeister im Gewichtheben, Meister im Polizei-Fünfkampf und Olympia-Vierter im Zweierbob 1976. Der Magister der Sportwissenschaften ist auch Mittelschulprofessor und hat elf Jahre lang als Adidas-Marketingleiter Sportler wie Toni Polster, Hans Krankl, Bruno Pezzey oder Franz Klammer betreut. Schwab war fast fünf Jahre Chef der Sporthilfe, danach bei den Planai-Bergbahnen, zwei Jahre Sportdirektor beim Golfverband sowie von 2008 bis 2012 Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA). Er lebt in Rohrmoos bei Schladming und hat vier Kinder. Sohn Matthias (21) studiert in den USA und wird 2017 Golfprofi.




Kommentieren