Letztes Update am Mo, 22.08.2016 12:10

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Alpbacher Gesundheitsgespräche: „Neue Aufklärung“ - Alte Forderungen



Alpbach (APA) - Die vom Programm des Europäischen Forums Alpbach als Thema in den Diskussionsraum gestellte „Neue Aufklärung“ brachte am Montag bei den Gesundheitsgesprächen (bis 23. August) vor allem alte Forderungen: nach Kompetenz im Umgang mit dem Sterben, „unabhängiger“ Medizin-Information und besserer Risikoeinschätzung.

„Wir haben das Bild projiziert, dass wir alles heilen können, dass wir alle gesund machen können. Dieses Bild bekommen wir wieder zurück. Das sind die Ansprüche, welche die Patienten an uns stellen“, sagte die Innsbrucker Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker. Gerade in der Intensivmedizin könne man oft Patienten über lebensbedrohliche Krisen hinüberretten, aber sie würden eben nicht wieder ausreichend gesund.

Barbara Friesenecker forderte: „Wir müssen das Sterben wieder zum Gespräch machen. Wir müssen Sterbebegleitung als Kompetenz erlernen.“ 40 Prozent der Patienten würden in ihren letzten sechs Lebensmonaten sinnlose Therapien erhalten. Freilich, Sterbebegleitung ist für niedergelassene Hausärzte in vielen Fällen tägliche Praxis. Und oft sind es die Angehörigen, welche alle medizinischen Möglichkeiten ausgereizt sehen wollen.

„Nicht zu wenig und nicht zu viel Medizin“, stellte Gerald Gartlehner, Leiter der Abteilung für Evidenz-basierte Medizin der Donau-Universität Krems, als Ziel der Zukunft vor. Der Knackpunkt sei der Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen - für Fachkreise genauso wie für Patienten. Hätte im 19. Jahrhundert sauberes Wasser den größten Fortschritt in Sachen Gesundheit gebracht, sei das aktuell etwas Anderes: „Im 21. Jahrhundert ist das ‚sauberes‘ Wissen.“ Norwegen investiere zum Beispiel jährlich 30 Millionen Euro, um der Bevölkerung ausgewogene Informationen zum Thema Gesundheit bereitzustellen.

„Eine effektive Gesundheitsversorgung beginnt mit einer guten medizinischen Entscheidung“, sagte schließlich Mirjam Jenny vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Dazu seien eine kompetente Risikoeinschätzung, gute Gesundheitskompetenz und Kenntnisse des Aufbaus und der Leistungen des Gesundheitssystems notwendig.

„Gesundheits- und Gesundheitswesen-Kompetenz“ gehörten in die Allgemeinbildung, die Fähigkeit zur Beurteilung von Risiken zumindest in die Ausbildung des medizinischen Personals, betonte die Expertin. Wahrscheinlich sollte die richtige Einschätzung der Wahrscheinlichkeit und des Ausmaßes von Gefährdungsmomenten aber ebenfalls breiten Eingang in die „Lehrpläne“ von „Schule & Co.“ finden, wie ein von Mirjam Jenny präsentiertes Beispiel zeigte: „Nach den ersten Berichten über ein erhöhtes Thromboserisiko durch eine neue ‚Pille‘ gab es in Großbritannien Zehntausende ungewollte Schwangerschaften und mehr Abtreibungen.“ Dabei hatte sich das Thrombose-Risiko von eins zu 7.000 auf zwei zu 7.000 erhöht.




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