Letztes Update am Di, 23.08.2016 15:22

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Türkische Artillerie verstärkte Beschuss von IS-Stellungen in Syrien



Ankara/Damaskus/Moskau (APA/AFP/dpa) - Die Türkei hat am Dienstag ihren Beschuss von Stellungen der Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) im benachbarten Syrien verstärkt. Der Beschuss soll offenbar eine Offensive von protürkischen Rebellen auf den Grenzort Jarablus vorbereiten, wie Aktivisten und türkische Medien berichteten.

Nachdem die IS-Miliz mit Mörsern die türkische Grenzstadt Karkamis unter Beschuss genommen hatte, feuerte die türkische Artillerie am Dienstag rund 60 Geschosse auf IS-Stellungen im gegenüber liegenden Jarablus, wie türkische Sender meldeten. Nach Angaben von Aktivisten bereiten Hunderte syrische Rebellenkämpfer einen Angriff vor, um Jarablus der IS-Miliz zu entreißen.

Die türkische Artillerie beschoss zudem die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) nahe der Stadt Manbij. Die YPG-Kämpfer hatten Manbij nach wochenlangen Gefechten vom IS erobert. Von dort wollen sie ihrerseits weiter Richtung Jarablus vorstoßen.

In der türkischen Grenzstadt Kilis schlugen am Dienstag erstmals seit Monaten wieder Raketen aus Syrien ein. Der Nachrichtensender CNN Türk berichtete von drei Einschlägen. Weitere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt. Auf der syrischen Seite der Grenze haben sowohl der IS als auch syrische Rebellen Stellungen. Bis vor wenigen Monaten waren regelmäßig Raketen in Kilis eingeschlagen.

Die Lage im türkisch-syrischen Grenzgebiet hat sich verschärft, seit die Türkei am Montag an einem anderen Abschnitt der Grenze Stellungen der YPG beschossen hatte. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte erklärte, die türkische Armee wolle den Vormarsch der Kurden auf Jarablus verhindern. Die Beobachtungsstelle bezieht ihre Informationen aus einem Netzwerk von Informanten an Ort und Stelle; von unabhängiger Seite sind ihre Angaben kaum zu überprüfen.

Die Kurden streben an, ihre drei autonomen Gebiete im Norden Syriens zu verbinden und einen durchgehenden Landstreifen an der türkischen Grenze unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Türkei will dies mit allen Mitteln verhindern. Sie betrachtet die YPG-Miliz als syrischen Ableger der verbotenen türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), mit der sich die Armee im Südosten der Türkei immer wieder schwere Gefechte liefert.

Die Angriffe in Syrien sind auch eine Reaktion auf den verheerenden Anschlag auf eine kurdische Hochzeitsfeier in der südtürkischen Stadt Gaziantep, bei dem am Samstag 54 Menschen getötet worden waren. Die türkische Regierung gab zunächst an, ein Kind habe sich im Auftrag der IS-Miliz auf der Hochzeit in die Luft gesprengt. Am Montag erklärte sie jedoch, diese Angaben seien nicht gesichert; es werde noch geprüft, wer den Anschlag verübte.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte, das Grenzgebiet müsse „vollständig gesäubert“ werden von Jihadisten. Ankara hatte lange eine ambivalente Haltung gegenüber der IS-Miliz eingenommen, geht jedoch seit einer Reihe verheerender Anschläge verstärkt gegen die Extremisten vor. Die USA hatten Ankara lange gedrängt, die Grenze nach Syrien für Jihadisten dicht zu machen.

Der Konflikt in Syrien wird auch Thema beim Besuch von US-Vizepräsident Joe Biden am Mittwoch in Ankara sein. Im Zentrum der Gespräche dürfte dabei aber das türkische Auslieferungsgesuch für den Prediger Fethullah Gülen stehen, den Ankara für den gescheiterten Militärputsch vom 15. Juli verantwortlich macht. Die USA wollen ihn nur ausliefern, wenn die Türkei konkrete Beweise für dessen Verwicklung liefert.

Unterdessen hielten die Kämpfe um die nordsyrische Großstadt Aleppo weiter an. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte sich entsetzt über die Lage dort.“ Was sich in Aleppo zuträgt, ist grauenvoll, eine humanitäre Katastrophe“, sagte Merkel der „Passauer Neuen Presse“. „Die Hilferufe, die die wenigen verbliebenen Ärzte von dort aussenden, sind zutiefst erschütternd. Die von der UNO geforderte 48-stündige Feuerpause pro Woche sei „nur ein allererster kleiner Schritt, den Russland und die syrische Führung gewährleisten müssen“, betonte die Kanzlerin. Russland hatte am vergangenen Dienstag angesichts der verzweifelten Lage seine Bereitschaft erklärt, ab dieser Woche eine wöchentliche 48-stündige Feuerpause in der nordsyrischen Großstadt einzuhalten.

Russland will die geplante 48-stündige Waffenruhe in der syrischen Großstadt Aleppo nach eigener Darstellung umsetzen, sobald die Hilfslieferungen der Vereinten Nationen bereit sind. Dies sei mit der syrischen Führung abgestimmt, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Anatoli Antonow am Dienstag in Moskau. Russland kämpft Seite an Seite mit dem Regime von Bashar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg.




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