Letztes Update am Mi, 24.08.2016 08:04

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kulturherbst: Magier, Bobos und Sternenkrieger im Kino



Wien (APA) - Auf den Blockbuster-lastigen Kinosommer folgt traditionell ein cineastisch vielfältiger Herbst. Zwar schwappt Hollywoods Sequel- und Remake-Manie mit „Ben Hur“ oder „Findet Dorie“ auch in die kühleren Monate über, kann man sich zeitgleich aber auch schon auf vielversprechende Oscar-Vorboten und Festival-Perlen freuen. Und auch das heimische Kino zeigt sich von seiner beeindruckenden Bandbreite.

Einsätze bei A-Festivals von Cannes über Venedig bis Berlin, Locarno und Moskau haben viele der ab September anlaufenden österreichischen Filme im Rücken, darunter Ruth Beckermanns Kammerspiel „Die Geträumten“ (ab 16. Dezember), Nikolaus Geyrhalters Doku „Homo Sapiens“ (ab 3. November), Jakob M. Erwas schwules Coming-of-Age-Drama „Die Mitte der Welt“ oder „Mister Universo“ (beide ab 11. November), dem bereits vierten aus dem Zirkusmilieu gegriffenen Film von Tizza Covi und Rainer Frimmel. Den Sprung aus engen Kellern in weite Savannen macht Ulrich Seidl, der mit seiner in Venedig uraufgeführten Doku „Safari“ (ab 16. September) über Jagdtouristen wohl nicht nur die Aufmerksamkeit von Tierschützern erregen wird.

Genrefans kommen beim heimischen Thriller „Mein Fleisch und Blut“ (ab 30. September) mit Ursula Strauss und Marvin Krens lang ersehnter Horror-Satire „Angriff der Lederhosenzombies“ (Dezember) auf ihre Kosten, während Marie Kreutzer dem Yuppie John aus „Gruber geht“ nun in der Komödie „Was hat uns bloß so ruiniert?“ (ab 23. September) eine Horde Bobos nachfolgen lässt. Genregrenzen sprengt Virgil Widrich, der in seinem ersten Langfilm seit 16 Jahren, „Die Nacht der 1000 Stunden“ (ab 18. November), Zeitreise, romantische Komödie und Mystery-Thriller vermischt. Den Bogen zu Hollywood schlägt Stefan Ruzowitzky, dessen Wiener Actionthriller „Die Hölle“ mit u.a. Tobias Moretti für Jänner erwartet wird.

Womit wir in der Traumfabrik wären, deren Nostalgie-Trend vorerst nicht abreißt. Im Herbst kommt das Monumentalepos „Ben Hur“ (ab 1. September) - freilich in 3D und IMAX-Proportionen - ebenso zum Handkuss wie der legendäre Western „Die glorreichen Sieben“ (ab 22. September), der von Antoine Fuqua mit u.a. Denzel Washington und Ethan Hawke neu verfilmt wurde. Literarische Inspirationsquellen nehmen sich dagegen Tim Burton mit „Die Insel der besonderen Kinder“ (ab 7. Oktober), Ron Howard mit der neuesten Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“ (ab 14. Oktober) oder Tate Taylor mit dem Krimi „The Girl on the Train“ (ab 27. Oktober) vor, der sich in punkto Überraschungseffekten als neuer „Gone Girl“-Erfolg ankündigt. Die Grusel-Sparte ist von Fortsetzungen geprägt, angeführt von „Blair Witch“ (7. Oktober), dem lange geheim gehaltenen Sequel des 90er-Jahre-Horrorklassikers.

Vorprogrammierte Blockbuster sind jene Filme, die an bereits erfolgreiche Kinouniversen andocken: „Sherlock“-Star Benedict Cumberbatch bereichert die Marvel-Heldenwelt als „Doctor Strange“ (ab 27. Oktober), „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling siedelt den Fantasyfilm „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ (18. November) in ihrer weltweit geliebten Magierwelt an und die „Star Wars“-Saga erhält nach dem Relaunch im Vorjahr mit „Rogue One: A Star Wars Story“ (ab 15. Dezember) ihren ersten Spin-off.

Für Unterhaltung sorgen - nach der fulminanten „Ghostbusters“-Neuauflage im Sommer - weiterhin vor allem Frauen: Renee Zellweger kehrt nach zwölf Jahren Pause als nunmehr Ü-40-Single-Frau in „Bridget Jones‘ Baby“ (ab 20. Oktober) zurück, Mila Kunis und Kristen Bell schöpfen als „Bad Moms“ (ab 22. September) möglicherweise auch aus eigener Erfahrung und die Alleskönnerin Meryl Streep tut als Möchtegern-Operndiva „Florence Foster Jenkins“ (ab 25. November) so, als könne sie keinen Ton halten. Die erste südpazifische Animationsheldin aus dem Hause Disney bereichert das vorweihnachtliche Kino in „Vaiana“ (ab 24. November), während Pixar 13 Jahre nach Nemo auf „Findet Dorie“ (ab 29. September) setzt und die Macher von „Minions“ und „Pets“ für „Sing“ (ab 8. Dezember) so prominente Stimmen wie Matthew McConaughey und Reese Witherspoon verpflichtet haben.

Während die beiden bereits Oscars zuhause stehen haben, bringen sich prominente Kollegen im Herbst in Award-Stellung. Hohe Chancen werden stets Darstellern realer Personen eingerechnet: Joseph Gordon-Levitt verkörpert für Oliver Stone den Whistleblower Edward „Snowden“ (ab 23. September), Tom Hanks schlüpft für Altmeister Clint Eastwood in „Sully“ (ab 2. Dezember) in die Rolle des US-Piloten Chesley Sullenberger, der im Jahr 2009 einen Airbus A320 im New Yorker Hudson River notlanden musste. Eastwood-Spross Scott ist neben Ben Affleck in dessen Prohibitionsdrama „Live by Night“ (ab 7. Oktober) zu sehen und Designer und Regisseur Tom Ford versammelt für den Thriller „Nocturnal Animals“ (22. Dezember) große Kaliber von Jake Gyllenhaal über Amy Adams bis Michael Shannon. Und während Woody Allen mit u.a. Kristen Stewart und Jesse Eisenberg ins melancholisch-romantische „Cafe Society“ (ab 11. November) entführt, verlieben sich zwei weitere Jungstars im Sci-Fi-Film „Passengers“ (6. Jänner): Jennifer Lawrence und Chris Pratt.

Seit seinem Triumph in Sundance Anfang des Jahres bereits als Oscar-Fixstarter gilt das Sklavendrama „Birth of a Nation“ (20. Jänner) von Nat Turner, dem weitere Festivaljuwelen im Kinoprogramm vorangestellt werden. Da kann man sich auf so unterschiedliche Arthouse- und Indie-Schätze einstellen wie das Liebesdrama „The Light Between Oceans“ (9. September) mit Michael Fassbender und Alicia Vikander, das viel diskutierte deutsche Abtreibungsdrama „24 Wochen“ (ab 23. September), Mia Hansen-Loves Frauenporträt „Alles was kommt“ (ab 4. November) oder Damien Chazelles Hommage an alte Hollywood-Musicals, „La La Land“ (ab 16. Dezember) mit Ryan Gosling und Emma Stone. Und auf einen Hochkaräter müssen ausnahmsweise die Amerikaner mal länger warten: Die bereits 2014 abgedrehte, oft verschobene Romanverfilmung „Tulpenfieber“ mit Österreichs Oscarpreisträger Christoph Waltz läuft hierzulande am Vorweihnachtstag an.




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