Letztes Update am Mi, 24.08.2016 08:43

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Yemen Cafe“: Schlag gibt dem Leben im Terror Namen und Gesichter



Wien (APA) - Vom täglichen Terror im Nahen Osten sind viele Einzelschicksale betroffen. Die täglichen Nachrichten registrieren meist lediglich die Zahl der Toten. Die Schriftstellerin Evelyn Schlag hebt in ihrem neuen Roman „Yemen Cafe“ die Anonymität auf, zeichnet akribisch die Konfliktlinien nach und zeigt konkret, wie in einer Konfliktzone gelebt und gelitten wird. Opfer sind Einheimische und Helfer.

Es empfiehlt sich ganz und gar nicht, im Jemen Urlaub zu machen. „Sowohl die politische als auch die Sicherheitslage ist im ganzen Land ausgesprochen volatil. Die Gewährleistung der Sicherheit durch staatliche Behörden ist nicht sichergestellt.“ So heißt es in einer aktuellen deutschen Reisewarnung. Es komme immer wieder zu terroristischen Anschlägen von Ablegern des Terrornetzwerks Al-Quaida. Nicht-muslimische Ausländer müssten damit rechnen, entführt zu werden. Das Reisen im Land sei wegen nicht lokalisierter Minenfelder äußerst riskant.

Genau mit diesen Verhältnissen macht die Schriftstellerin Evelyn Schlag in ihrem Roman „Yemen Cafe“ bekannt. Bevor man Evelyn Schlags Mut bestaunt, sich in diesen Furcht einflößenden Breitengraden zu bewegen, sollte man wissen: Sie war gar nicht dort. Und dennoch kann sie so detailreich schildern, wie es in Sana‘a zugeht? Nun, Karl May ist ja auch nicht da gewesen, bevor er schrieb, was Kara Ben Nemsi Effendi und sein Diener Hadschi Halef Omar im Orient erlebten. Evelyn Schlag hat selbstverständlich recherchiert. Und das ist im elektronischen Zeitalter einfacher als es zu Karl Mays Zeiten gewesen ist.

Sie konzentriert das Geschehen auf ein Krankenhaus in Sana‘a, das dort aufgrund einer Schweizer Initiative gegründet worden ist, das aber mit den örtlichen Behörden kooperieren muss. Hier werkt unter oft schwierigen Umständen der Chirurg Jonathan Schmidt aus Österreich. Das Misstrauen ist allgegenwärtig. Loyalität ist von den einheimischen Angestellten des Krankenhauses nicht unbedingt zu erwarten. Was geht im Kopf des nächsten Mitarbeiters vor sich. Ist er nebenher Spion eines Terrornetzwerks? Wo wird der nächste Anschlag stattfinden? Wen wird er treffen? Die Autorin versteht es, Verdacht zu schüren und eine Atmosphäre der Ungewissheit heraufzubeschwören.

Aber nicht zur darum geht es in dem Buch. Sind nicht Liebe und Leidenschaft das beherrschende Thema? Nun, Jonathan ist Junggeselle und leicht entflammbar für ein attraktives weibliches Gegenüber. Evelyn Schlag fühlt sich versiert in die männliche Position ein. Jonathan hat es gern wenn es vor lauter Erotik knistert. Fast kommt es zur Verführung der Frau eines deutschen Arztkollegen.

Viel von seinem Sehnsuchtspotenzial fokussiert er auf Evelyne, mit der er einst in Afrika zu tun hatte. „War sie doch die Besondere, die Einzige, die sein Herz gebrochen hatte?“ So lässt Evelyn Schlag ohne Furcht vor Kitschverdacht auf Seite 100 fragen. Aber als dann Katie, eine Amerikanerin, die für eine NGO, arbeitet, auftaucht, gibt es nur noch eine auf der Welt. Doch Katie kommt mit einem heiklen moralischen Thema daher: Das Krankenhaus stehe vor allem den Repräsentanten des Unrechtssystem zur Verfügung. Smith befinde sich mit seiner Arbeit auf der falschen Seite.

Das Dilemma ist perfekt bis es zu einem - weiter nicht überraschenden - furiosen Ende kommt.

(S E R V I C E - Evelyn Schlag: „Yemen Cafe“. Roman, Zsolnay Verlag, 366 S., 24,70 Euro. Lesung am 20.9. im Literaturhaus Salzburg und am 13.10. im Literaturhaus am Inn, Innsbruck)




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