Letztes Update am Mi, 24.08.2016 10:34

APAOnlineticker / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


„Verräter“ Temer könnte Rousseff endgültig beerben



Brasilia (APA/AFP) - Schon seit Mai führt Michel Temer als Übergangspräsident die Amtsgeschäfte der suspendierten brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff. Sollte sie endgültig abgesetzt werden, könnte der 75-Jährige als Sieger dastehen. Doch das gellende Pfeifkonzert bei seiner Eröffnungsrede für die Olympischen Spiele führte der Weltöffentlichkeit vor, wie wenig Rückhalt er in der brasilianischen Bevölkerung hat.

Der Anwalt war an die Staatsspitze getreten, nachdem der Senat Rousseff suspendiert hatte. Seine Antrittsrede als Übergangspräsident war allerdings schon Wochen vorher an die Öffentlichkeit gelangt, was ziemlich peinlich für den bisherigen Vize-Präsidenten war. Doch Temer hatte den Bruch mit Rousseff schon im Dezember in einem „persönlichen Brief“ an die Präsidentin vollzogen. Voller Bitterkeit warf er ihr vor, ihn stets verachtet und als „Staffage“ behandelt zu haben. Auf Anrufe aus dem Präsidentenpalast reagierte er fortan nicht mehr.

Rousseff wiederum stellte ihrem Vize ein miserables Charakterzeugnis aus. Ein „Verräter“ sei Temer, schimpfte Rousseff nach Bekanntwerden seiner Antrittsrede, er sei der „Chef einer Verschwörung“.

Temer übernahm für zunächst bis zu 180 Tage kommissarisch das Präsidentenamt. Sollte Rousseff nach den Anhörungen der kommenden Tagen endgültig durch den Senat abgesetzt werden, könnte er bis Ende 2018 im Präsidentenpalast bleiben.

Temer ist kein populistischer Caudillo, der die Massen mitreißt. Eher entspricht er dem Typ des gerissenen Fuchses, der Chancen zu nutzen weiß. Ende März ließ Temers rechtsliberale Partei der demokratischen Bewegung (PMDB) das Regierungsbündnis mit Rousseffs Arbeiterpartei (PT) platzen - und leitete damit die Entmachtung der Präsidentin ein.

Seit 15 Jahren ist Temer Vorsitzender der PMDB, die an sämtlichen Regierungen seit 1994 beteiligt war. Im vergangenen Herbst legte er einen wirtschaftspolitischen Entwurf mit dem Titel „Eine Brücke in die Zukunft“ vor. Darin ging er mit Rousseffs linker Arbeiterpartei hart ins Gericht und warf dem Koalitionspartner „Exzesse“ und „Verschwendung“ vor. Seine Gegenrezepte: rigide Sparpolitik, Steuererleichterungen für Reiche, Stopp der Sozialprogramme für die Ärmsten der Armen.

Die Bürger interessieren sich kaum für Temers programmatische Vorstellungen. Wollte er direkt ins Präsidentenamt gewählt werden, wäre er chancenlos: In Umfragen kommt er auf ein bis zwei Prozent der Wählerstimmen. In scharfem Kontrast dazu steht Temers Selbstwahrnehmung. In seiner vorgefertigten Antrittsrede bezeichnet er es als seine „große Mission“, das Land „zur Ruhe zu bringen und zu einen“.

Temer wurde 1940 im Bundesstaat Sao Paulo als Sohn libanesischer Einwanderer geboren, als jüngster Spross von insgesamt acht Geschwistern. Er profilierte sich als Verfassungsrechtler und war wiederholt Präsident des Abgeordnetenhauses. Die Brasilianer wissen über den 75-Jährigen vor allem, dass er mit einer Jahrzehnte jüngeren Schönheitskönigin verheiratet ist. Temer hat bereits fünf Kinder aus vorherigen Ehen.

Die meisten Wähler wünschen, dass Temer ebenso wie Rousseff aus dem Amt scheiden möge. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch gegen Temer ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet wird - wegen der Verwicklung in Korruptionsaffären. Aus diesem Grund traten bereits mehrere Minister seiner Übergangsregierung kurz nach der Ernennung wieder zurück.




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